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Alles beim Alt-Bekannten

Noch wach?, Thalia Foto: Krafft Angerer

Das alte Medienhaus sieht aus wie ein Vampirschloss, aus dem die Vorgesetzten aus ihren Särgen auftreten. Das neue, noch zu bauende Verlagshaus, dagegen ist eine Baustelle im regennassen Berliner Winter, der von Oktober bis März dauert. Trotz dieser trüben Aussichten hat der Hauptdarsteller das sonnige Los Angeles verlassen. Die Poolparties unter den Palmen waren auch nicht das Wahre. Doch hier wie dort das gleiche Spiel: Männer benutzen Frauen und Frauen lassen sich benutzen. Das ist die schlichte Botschaft von "Noch wach?" im Thalia Theater nach dem Aufreger-Bestseller von Benjamin von Stuckrad-Barre, ein halbes Jahr nach seinem viel diskutierten Erscheinen. Die Aufregung hat sich gelegt und sie wird auch nach dieser Inszenierung sicher nicht wieder aufleben. Denn hier scheint alles nur ein Spiel, bei dem alle mit der nötigen Portion Ironie Bescheid wissen und dennoch lustig weiter ihre Rollen spielen. Eine ernsthafte Me-Too-Debatte wird hier wohlweißlich vermieden. Stattdessen blödeln sich alle Darsteller:innen gekonnt durch die über dreistündige Aufführung. Mit wie improvisiert wirkendem Small-Talk treffen sie sich zunächst am kleinen aufblasbaren Plastikpool unter der silbernen Plastikpalme. Bis auf die vampireske Hausfassade am hinteren Bühnenrand bleibt die Bühne leer, damit viel Platz ist für die Regenfront, die immer wieder vom Himmel stürzt und alle klitschnass werden lässt. Doch ob Sonne Los Angeles oder die Stürzbäche in Berlin, alle stehen hier im Regen. Obwohl die Frauen sich durch die Initiative der Influencerin Sophia zu einem Pink Tank zusammenschließen, behalten die Männer stets die Oberhand. Sie besetzen die Machtpositionen und deswegen lohnt es sich immer noch für die Frauen, hin und wieder alle Frauenbünde und Prinzipien über Bord zu werfen und sich als Sexdienstleisterinnen zur Verfügung zu halten. Nein zu sagen, ist für die Frauen hier eher eine theoretische Möglichkeit, die in der Praxis selten genutzt wird. Starke Frauen sucht man hier vergeblich. Deswegen ist es schlüssig, dass am Schluss auch die Szene einer intimen Männerfreundschaft steht. Der Chefredakteur trifft auf das Alter Ego von Stuckrad-Barre und unter dem Regenguss herzen und knuddeln sie sich, bis sie zusammen in die Wasserpfütze fallen und lachend herumrutschen. Männerbündnisse sind anscheinend doch haltbarer als alle Frauennetzwerke. Denn was lohnt sich schließlich mehr?
So ist die Inszenierung von Christoph Rüping zwar desillusionierend, dass sich nach Me Too irgendetwas verändert haben könnte, aber wahrscheinlich umso realistischer. Seine Distanzierung zum Hauptdarsteller besteht hauptsächlich darin, dass er ihn auf vier Schauspieler:innen verteilt. Doch anstatt den Finger in die Wunden zu legen, hangelt er sich mit seinem hervorragendem Cast (Nils Kahnwald, Maike Knirsch, Hans Löw, Julia Riedler, Cathérine Seifert, Oda Thormeyer) durch die Misere, getreu dem Motto der Branche, in der alles spielt: Unterhaltung ist alles. Und wenn der Content zu sehr herumdümpelt, dann eben schnell ein wenig Musik. Dazu dröhnen dann die Beats und Inez tritt mit überwältigendem Songs über Love und Time auf. So auch zum Schluss: Da regnet es von Inez noch mal Rote Rosen, doch der Song der früheren Feministinnen hat auch schon lange seinen Popularitätshöhepunkt überschritten und zeigt nur: Es hat sich immer noch zu wenig verändert.
Birgit Schmalmack vom 1.4.24

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