hamburgtheater

..... Kritiken für Hamburg seit 2000

hamburgtheater

Zuletzt gesehen...

The Circle, Altonaer Theater Ein mögliches Machtmonopol eines IT-Konzerns erscheint heutzutage nicht mehr ganz so unwahrscheinlich wie noch 2013. Dave Eggersbuchstabiert genau durch, warum Menschen sich hier anders als noch bei Georges Orwell „1984“ ganz freiwillig in die Fänge des Circles begeben. Münzel gelingt es, die konsequente Zuspitzung der Entwicklung frisch, stringent und mitreißend in Szene zu setzen,auch deswegen, weil er ein hervorragendes Ensemble zur Verfügung hat, das in seinen jeweiligen Rollen durchweg überzeugt. Doch genau so wichtig ist das sinnige, nur scheinbar einfache Bühnenbild von Jörg Kiefel. Es besteht aus drei rollbaren Kreisbogenelementen, die zu immer wieder neuen Anordnungen verschoben und als Liege, Tresen, Schreibtisch, Bank oder Plattform genutzt werden können. So waren die Reihen auch zur Derniere immer noch sehr gut gefüllt und der aktuelle Stoff könnte beim anschließenden Nachgesprächzu der ein oder anderen, wenn auch nicht mehr ganz neuen Überlegung bezüglich der Gefahren der sich ausbreitenden Einflussnahme von IT-Konzernen angeregt haben. (Foto: G2 Baraniak)

Einhandsegeln, Thalia Das Buch von Christian Kortmann, das Regisseur Matthias Günther am Thalia Theater als inneren Monolog, bzw. Dialog mit dem Publikum inszeniert, zeigt keinen Mann, der in sich selbst ruht, sondern einen, der nur vorgibt es zu tun. Ganz im Gegenteil: Zum Nachdenken hat dieser Mann eigentlich gar keine Zeit, zu viel hat er als Einhandsegler auf dem Meer zu tun, um seinen Trip zu überleben. Gegen Ende seiner Reise scheint er vor einer Entscheidung zu stehen: Soll er sich dem Zugehörigkeitswunsch zur Gesellschaft unterordnen oder doch im Trost der Einsamkeit seinen eigenen Weg gehen? Doch dieser Möchtegernaussteiger entzieht sich wieder einmal einer Entscheidung und entschwindet zum sanft verklingenden Song von „My Way“. Auch das mehr Behauptung als Realität. (Copyright: Fabian Hammerl)

ALIENATION III und La Vacabose, Kampnagel Maria Mercedes Flores Mujica erkundet in ihrer Arbeit die schwer zu bestimmenden Nahtstellen zwischen den verschiedenen Extremen. Den Feierexzess genauso wie die meditative Stille, den Rausch genauso wie das nachdenkliche Miteinander, das Menschsein genauso wie das Göttliche und das Tierische. Das verlangt den Zuschauenden viel Bereitschaft zum Einlassen und Einfühlen ab, doch wer sich in dieses Wechselbad der Gefühlszustände hineinfallen lassen mochte, bekam am Schluss eine Ahnung von dem Reichtum möglicher Erlebnisräume, die in westlichen Kulturräumen in externalisierte Randzonen verbannt worden und meist nur noch unter Zuhilfenahme von Drogen zu erreichen sind.

Legende, Thalia Das vereinnahmend tolle Ensemble aus russisch-ukrainischen und deutschen Schauspieler:innen springt von einer Rolle in die nächste und zieht mit ihrem charakterstarken Spiel zusammen mit der live gespielten Musik von Daniil Orlov immer wieder neu in ihren Bann. Es verlangt Konzentration, über vier Stunden diesem Überwältigungstheater zu folgen, zumal die Entschlüsselung der Bildersprache nur denen gelingen wird, die sich in der Filmwelt von Paradjanov auskennen und das dürften in Deutschland wenige sein. Doch spätestens wenn am Schluss auf der Rückwand die Worte "Free All Political Prisoners" zu lesen sind, sind im Publikum alle Ermüdungserscheinungen und Rätsel beseitigt und alle zollen in Standing Ovationen dem Kunstwerk, das sie gerade haben sehen dürfen, ihre Achtung, Anerkennung und ihren Beifall.

COMEDY RIOT IN SECOND HAND ENGLISH, Kampnagel Viel zu lachen gibt es zurzeit wahrhaftig nicht, daher sei es umso wichtiger, den Humor als Akt des Widerstands zu begreifen und zu feiern. Das erklärten Intendantin Amelie Deuflhard und Leiter Branko Šimic zur Eröffnung des diesjährigen Krass-Festivals, das sich 2025 um 13.Mal jährt. So stellten er und sein Team dieses Jahr eine geballte Ladung an Comidiennes auf die Bühne. Wenig verwunderlich kamen die meisten von Ihnen direkt aus Berlin, wo diese Art der humorvollen Kommentierung der deutschen Wirklichkeit von Neu-Berliner:innen in der Weltsprache Englisch überall in der Stadt zu erleben ist. Jetzt also kamen auch die noch etwas ungeübten Hamburger Germans in den Genuss dieses zum Teil etwas düsteren Humors in Second Hand English.

BECOMING JUDITHA! Eine Anleitung zum Hass, HfMT Viola Bierich hat hier ein Musiktheater geschaffen, das eine wahrhaftig gleichberechtigte Verknüpfung beider Elemente der Musik und des Theaters wagte. Sie versteht Musiktheater nicht so, dasselbe in einen inhaltlichen Rahmen zu setzen, sondern erlaubt sich, beide Einflussgrößen in direkten Dialog zueinander zu stellen. Dass ihr das hervorragend gelingt, liegt auch an ihrem wunderbar starken Darsteller:innenteam. Die drei Schauspielerinnen schaffen es zusammen mit dem Countertenor, mit dem ständigen Wechsel der Sprech- und Texthaltungen zu spielen und souverän die Bühne zu füllen. Eine äußerst anregende, intelligente und innovative Arbeit.

Oleanna, St. Pauli Theater Dieses Kammerspiel der wechselseitigen Machtausübung wird in der Inszenierung von Ullrich Waller am St. Pauli Theater zu einem spannenden Wechselspiel der Gefühle. Man ist hin- und hergerissen zwischen den Sichtweisen der beiden Protagonisten. Man versetzt sich ganz in die Rolle des Mannes und gleich danach folgt man ebenso überzeugt der Ansicht der Frau. Die besondere Kunst des klug geschriebenen Stücks von David Mamet besteht darin, dass er es den Zuschauer:innen überlässt, die eigene Position zu finden und Waller folgt ihm darin ganz konsequent.

Der Kreis, Lichthof Während sich seine letzte Performance "HeimatLost" noch der Fremde und der Heimatlosigkeit widmete, geht es Yigitogullari hier im „Kreis“ um Rituale des Ankommens. Egal, wo man sich gerade befände, gelte es, bei sich selbst heimisch zu werden. Wie bei jeder seiner Arbeiten, spürt man als Zuschauende in jedem Augenblick die Unbedingtheit und die Wahrhaftigkeit seines Tuns auf der Bühne. Dieser Künstler hat keinen doppelten Boden, er schenkt seinem Publikum einen intimen, unverstellten Einblick in seine Gefühle. Denn er verschmilzt auf der Bühne mit dem jeweiligen Inhalt seiner Performance. Genau darin liegt die Intensität seines künstlerischen Akts, bei dem man Zeuge sein darf. (Copyright: Christian Bartsch)

Gletschermumie, Liebe, Kampnagel Was uns heute an seiner Geschichte interessieren könnte, jenseits der wissenschaftlichen Forschungen seiner körperlichen Überreste, bleibt weiterhin ein Geheimnis, das auch dieser Theaterabend nicht lüften konnte. Stattdessen ist er eine Aufforderung an jede:n einzelne:n aus dem Publikum, die eigene Fantasie in Gang zu setzen, um seine Geschichte neu zu erzählen. Eine Variante haben sie heute gesehen. Sie zeugte von Experimentierlust, Spielfreude, Risikobereitschaft und Mut zur viel Selbstironie. Balzer setzt an jede Stelle der Inszenierung unübersehbare Fragezeichen. Keine ihrer Denk- und Spielanordnungen sind gesetzt, sie sind nur Angebote zum Weiterspinnen und -denken, die sich von überkommenen Regeln freizumachen versuchen. Darin liegt ihr Gewinn, aber auch ihr Risiko zu scheitern, wenn sie sich zu weit von der eigentlichen Grundannahme der Geschichte zu entfernen drohen. Das könnte, je nach Perspektive der Zuschauer:innen bei dieser Arbeit passiert sein.

Oddos See, Ohnsorg Die Götter hat er einfach mal abgeschafft. Wozu sollte er auch an sie glauben? Sie haben ihn einfach in letzter Zeit zu oft im Stich gelassen. Und seinen Namen hat er kurzerhand zum norddeutschen Oddo (Jannik Nowak) verkürzt. So ist aus dem griechischen Held ein plattdeutsch snackender Mann, der sich gut in nordischen Gefilden und Gebräuchen auskennt, geworden. Auch die griechischen Chöre fand er so altbacken, dass er seine Mannschaft lieber Shantys singen lässt. Auf diese Weise wird im Ohnsorg Theater aus der Odyssee ein plattdeutsches Musical, zu dem Jan Paul Werge die Musik geschrieben hat.

Barrrbie, Thalia Emre Akal lockt sein Publikum geschickt in seine Interpretation des Nora-Stoffes hinein. Über seinen Einstieg in totaler Comicästhetik knüpft er an den Barbiefilmerfolg von Greta Gartwig an, um anschließend vor dieser Folie einen neuen Blick auf „Nora, ein Puppenheim“ zu werfen. So wird aus der norwegischen Püppchen, das eigentlich nur als Anhängsel ihres Mannes gesehen wird, eine Karrierefrau im Land des Great and Wunderful, die ihren amerikanischen Traum des Reichtums, des Kapitalismus, des Immer-Immer-Mehrs leben wollte und dabei erkennen muss, dass er eigentlich ein Alptraum ist.

Dengbej in the Disco, Lichthof Noch zu sehen: 7.3., 8.3. und 9.3.25: Dieser Abend hat sehr viele, sehr stille Elemente, die dem Publikum Gelegenheit geben, sich ganz in die kurdischen Lieder einzufühlen. Aber in ihn mischen sich auch laute, mitreißende Szenen, die zu wummernden Beats in andere Gefühlswelten einladen. Sie nehmen das Publikum unabhängig von Sprachgrenzen mit auf die Bühne. Ganz ausdrücklich: Denn zum Schluss werden alle zum Mittanzen auf die Bühne eingeladen. Der Abend geht als Disco zu flackerndem Partylicht zu Ende. So ist es ein vielschichtiger Abend geworden, der geschickt durch viele Erlebnisebenen führt. Zuerst das Erleben von der unverständlichen Schönheit der Musik, das Nichtverstehen, das Beobachten, das Anknüpfen, das Erhalten von ein paar eingestreuten Erklärungen und zum Schluss das Mitmachen Dürfen. So ist hier etwas Geduld für alle gefragt, die kein Kurdisch verstehen, aber es lohnt sich: Am Ende erschließt sich der Inhalt - wenn er auch für jeden im Publikum etwas anders aussehen dürfte. (©Alan Ciwan)

Navigation

hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000