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In die Kälte

Aus der Kälte Uwe Rasch


"Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus." Der Sänger Timotheus Maaß xteht neben dem Klavier in seinem feinen schwarzen Anzug. Die Pianistin Karolina Trojok sitzt in engen Cocktailkleid dahinten. Alles beginnt wie ein ganz normaler gutbürgerlicher Liederabend. Die wohl bekannten Melodien aus Schuberts Winterreise erklingen. Sie verfehlen ihre Wirkung nicht. Ein Gefühl der Verlassenheit, Einsamkeit und Verlorenheit stellt sich ein. Doch die Teppiche auf dem Betonboden und das warme Licht der Stehlampen mit Troddeln geben einen Rahmen der Sicherheit. Noch. Denn immer wieder mischen sich Störgeräusche in die emotional aufwühlende Musik. Zu den eh immer wiederkehrenden S-Bahn.-Geräusche der nahen Trasse mischen sich Gläserklirren und Motorengeräusche. Doch sie verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind und scheinen noch dem Zufall geschuldet. Sitzt das Publikum doch auf bequemen Lehnstühlen und gepolsterten Sesseln, den beiden Musizierenden zugewandt. Doch dann verlässt der Sänger seinen Platz, läuft suchend umher, blickt aus dem Fenster und wandert schließlich scheinbar ziellos durch den großen leeren Raum des Ballsaals. Die Pianistin versucht noch tapfer gegen sich die vermehrenden Fremdgeräusche zu behaupten. "Das ist doch nicht Schubert," ruft sie irgendwann genervt aus und läuft empört aus dem Raum. Der Bremer Komponist Uwe Rasch hat übernommen. Er hat mit seiner Komposition "aus vierundzwanzig" die Emotionalität Schubert konsequent in die Gegenwart überführt. Der feine Zwirn ist abgelegt, eine schwarze enge Hose zu schwarzen Shirt und Turnschuhen ist jetzt das Outfit des Sängers, das bald mit Staub und Flecken übersät ist. Die Haare stehen wirr vom Kopf. Statt Pianowohlklänge und Harmonien sind nun quietschende Geräusche vom Saxophon und Fleischwolf zu hören. Der Lärm der Glasfüllanlage vom Video-Apparat mischen sich ein. Wie Herumirrende kommen weitere Musiker hinzu, die ihr Equipment auf Industrie-Rollwagen mit sich führen. oft nur mit einer kleinen LED Lampe beleuchtet.

Der große Ballsaal im Kraftwerk Bille mit seinem abgeschrabbelten Ambiente, seinen allseitigen Bogenfenstern, dem staubigen Fußboden und den vielen kleinen Nebenräumen tut sein Übriges. Insgesamt eher zugig und kalt, spendet es nur an seinen Heizkörpern kurzzeitig Wärme. Die Gutbürgerlichkeit des Liederabend-Wohnzimmern ist endgültig vorbei. Stattdessen Bilder von Unbehaustheit. Ein Mensch windet sich unter einer Eisoberfläche, man sieht nur seine Hände und Füße, die immer wieder die Oberfläche quietschend berühren. Von einem anderen sieht man nur den nackten Rücken, der sich windet. Selbst seine Arme sind verborgen, nur der Rumpf scheint noch übrig. Ein anderer fällt und fällt durch Stadtkulissen. Doch am eindrucksvollsten ist die Performance der Bewegungskünstlerin. Wie eine riesige Motte hat sie sich Flügel an Arme und Beine geschnallt und vollführt eine eindrucksvolle Choreographie, am Boden liegend und per Kamera auf die dahinter liegende Wand übertragen. Ihre Flügel sind dabei gleichzeitig ein Instrument, denn sie sind mit Stangen und Schrauben versehen, so dass die Performanerin zu einer Schlagwerkerin wird. Zum Schluss kehren die beiden Saxophonisten mit ihren Wagen an den Platz am Piano zurück. Statt eines Duett aus harmonischen Wohlklängen ist ein Dialog mit dissonanten Tönen zu vernehmen, bei dem man am Ende in all ihrer Widerborstigkeit einem Gleichklang zu hören meint.

Für die Inszenierung des Materialhaufens, den der Komponist Rasch in großer musikalischer, bildnerischer und filmischer Vielfalt angerichtet hat. hat das Hamburger Musiktheaterteam aus Hans-Jörg Kapp, Malina Raßfeld und Felix Stachelhaus den perfekten Raum gefunden. In ihrer Kontrastierung von altem und neuem Material an diesem Ort wurde die Verlorenheit, die in den Schubert-Liedern ausgedrückt wird, noch potenziert, zum Teil bis an die akustische Schmerzgrenze. Was durchaus beabsichtigt sein dürfte. Zusammen mit dem künstlerischen Foto-, Klang-, Bühnen- und Videomaterial katapultieren die gekonnten Arrangements in eine Einsamkeits-Erfahrung, die weit über Schubert hinausgeht.

Birgit Schmalmack vom 18.1.22