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Zwei Brüder und kein Vater

Die Räuber, Thalia Foto: Armin Smailovic



Da steht der eine Bruder (Merlin Sandmeyer) und windet sich im Scheinwerferlicht, das wie aus einer riesigen Taschenlampe auf ihn gerichtet ist. Er trauert der Liebe und Anerkennung hinterher, die er nie bekam. Sie wurde nur seinem älteren Zwillingsbruder (Lisa Hagmeister) zuteil. So empfand er es zumindest. Nicht die des Vaters (Victoria Trauttmansdorff) bekam er, sondern auch nicht die der schönen Amalie. Nur Augen für den schönen Karl hatte sie und würdigte ihn keines Blickes. So fraß sich der Neid in ihn hinein. Nun endlich sieht er die Gelegenheit für eine späte Genugtuung. Karl ist zum Studium nach Leipzig gezogen und hat dort anscheinend allerlei Unsinn angestellt. So jedenfalls dringt die Kunde zu ihnen in die heimische Grafschaft. Und Franz erzählt es brühwarm weiter. Der Vater sieht seinen guten Ruf ruiniert und verstößt seinen Erstgeborenen sofort. Von großer Liebe zu seinem Karl keine Spur mehr. Kaltherzig in schneeweißen Anzug überlässt er Franz die lästigen Abschiedformalitäten.
Als Karl diesen Brief seines Vaters aus der Hand seines Bruders erhält, ist er tödlich getroffen und schwört sofort Rache. Er hat nun nichts mehr zu verlieren und erklärt sich zum Anführer einer Räuberbande. Doch während seine Gefährten alles erbeutete Geld für sich behalten, plagt Karl sein schlechtes Gewissen und er spendet es an Arme. Denn ihn treibt einzig der Verlust seines Vaterhauses um, den er mit einer Aufgabe kompensieren will, die ihm kurzfristig das Gefühl von Stärke gibt.
Bei Michael Thalheimer ist nur eines anders als im Schiller original: Bei ihm sind alle Räuberbande-Mitglieder statt mit Männern mit Frauen besetzt. Was nach neuer Sichtweise klingt, ändert merkwürdigerweise im Verlauf des Abends wenig. Die Frauen sind genauso brutal, rücksichtslos und rachegelüstig wie die Männer, wenn im schwarzen Wald aus sich drehenden Säulen blutverschmiert von ihren Taten erzählen. Ist das schon Emanzipation, wenn Frauen wie Männer agieren? Und endlich sich nicht mehr von ihren fürsorglichen und mitfühlenden Emotionen leiten lassen, wie das Klischee ihnen zuschreibt? Ganz im Gegenteil, fast scheint es so, dass der einzige Mann im Ensemble mehr seines Seelenzustandes offenbaren darf als die Frauen. Bloß nicht zu gefühlig werden, sonst könnte man als zu schwach und weiblich angesehen werden. Die einzige, die dieses Muster zu durchbrechen versucht, ist Lisa Hagmeister als Karl. Sie zeigt ihren Schmerz, ihre Zerrissenheit und Verletzlichkeit sehr deutlich, was jedoch zu ihrer Rolle des Anführers einer Räuberbande wenig zu passen scheint. So führt diese weiblich anmutende Männlichkeit zu einem Showdown, der jedem Western Ehre gemacht hätte. Am Ende der Bühne nur Leichen. Einzig der weiblich besetzte Vater geht über diese Leichen hinweg wieder an seinem Platz vom Anfang. Sein weißer Anzug unbefleckt wie zuvor. Gewalt ist eben auch keine Lösung, um einen Mangel an Liebe zu kompensieren. Toxische Männlichkeit mit weiblicher Besetzung.
Birgit Schmalmack vom 28.12.21