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Pures Theatervergnügen

Trutz, DSH Katrin Ribbe



Die Mnemonik ist die Wissenschaft des Erinnerns. Maykl Trutz durfte sie bei ihrer Koryphäen studieren. Doch die Fähigkeiten, die er dabei schulte, lassen ihn jetzt an seine Grenzen stoßen. Einerseits kann er sich nicht von dem Blick in die Vergangenheit trennen und andererseits stößt er überall auf Widerstände, weil andere mit diesen Geschichten nichts mehr zu tun haben wollen. Maykl bleibt der Vergangenheit verhaftet, in deren Aufarbeitung und Ergründung er sein ganzes Leben gestellt hat. Bei seiner Lebensgeschichte ist dies allerdings auch kein Wunder: Seine Eltern flohen vor den Nazis in die Sowjetunion, landeten dort in den Gefängnissen des Gulags und wurden ermordet. Als 18 Jähriger lehrt Maykl nach Deutschland zurück, in die gegründete DDR. Hier durchlebt er ähnliche Prozesse wie seine Eltern in der Sowjetunion. Grundsätzlich mit Symphatien für das in der DDR entstandene System ausgestattet, wagt er Kritik zu üben und wird mit Ausgrenzung und Restriktionen bestraft. Doch auch nach der Wende führen seine Aufarbeitungsversuche nicht zu Erfolgen. Bei den Rechtsprozessen, die er gegen ehemalige Stasileute anstrebt, bekommt er kein Recht zugesprochen.
Dieser Ritt durch vier politische Systeme über zwei Generationen und drei Staaten hinweg, die Christoph Hein in seinem Roman „Trutz“ wagt, inszeniert Dušan David Pařízek am Schauspielhaus trotz seiner gewaltigen Inhaltsschwere mit so einer Leichtigkeit, das man ihm darin gerne folgen mag.
Was eine dröge, schwierig zu verstehende Geschichtsstunde hätte werden können, wird zu einem puren Theatervergnügen, nach dessen Besuch man wieder weiß, warum man überhaupt ins Theater geht.
Mit nur vier Schauspieler:innen (Sarah Franke, Henning Hartmann, Markus John, Ernst Stötzner) wenig Requisiten und einem unspektakulärem Bühnenbild werden hier mit so viel Witz und Einfallsreichtum Geschichten und Geschichte erzählt, dass man nur beglückt den Theaterraum verlassen kann. Die brillanten Darsteller:innen wechseln so blitzschnell zwischen ihren Rollen hin und her, dass es nur sie vier braucht, um alle Charaktere des Buches auftauchen zu lassen. Ob Mann oder Frau, ob alt oder jung, sie können sich in alle verwandeln. Wenn der Genuss eines Abendessen beschrieben werden soll, wird kurzerhand das Alphorn zusammenschraubt und zu den dröhnenden Tönen eine Arie auf Rotkohl, Knödel und Rotwein gesungen. Als der Sohn geboren wird, wird unter den gespreizten Beinen der Mutter mal eben eine nasse Plastikbahn ausgerollt und Stötzner rutscht immer wieder mit wahrer Begeisterung auf dem nackten Bauch die Plane bis an die Bühnenrampe herunter. Wenn der Liebhaber seinen Angebeteten einen Nelkenstrauß mitbringt, haben diese Pfeilspitzen am unteren Ende und werden einfach wie Liebespfeile auf den Boden geschossen. Als er seine Braut zur Hochzeit überreden will, verdreifacht sich der Bräutigam und alle drei bedrängen die Umworbene von allen Seiten. Dabei hat es der Inhalt von „Trutz“ in sich. Will er doch die die Verbrechen, die Hinterlassenschaften und Ungerechtigkeiten von insgesamt vier politischen Systemen aufzeigen. Die Kontinuität der Lüge, der Fälschung, der Umerziehung, des Mordens und der Manipulation zur Stärkung der eigenen Ideologie und Machtposition analysiert der Roman akribisch. Darin folgt ihm die Inszenierung, doch um Längen unterhaltsamer.
Birgit Schmalmack vom 10.12.21