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Das nennt man heute Politik

Schwarzwasser, BE Matthias Horn


Götter haben ausgedient. Heute bestimmen de Politiker das Weltgeschehen, Zumindest glauben sie das, wenn sie in Österreich leben und Strache heißen. Oder vielleicht Trump in den USA oder Höckel in Deutschland. Gesetze werden gemacht, aber nur solche die passen und zwar ihnen, genau so gut wie die Maßanzüge, die sie tragen. Außer sie geben sich jovial in T Shirt und Jeans, ganz privat und scheinbar unbeobachtet. Dumm nur, wenn genau dieses konspirative Treffen anschließend viral geht und die geheime Pläne zur Übernahme und Neuaufstellung der Gesellschaft im Alleinherrschaftsgang offensichtlich werden. Da mag man sich noch so sehr als Opfer stilisieren, weil das Video sich als Falle herausstellt, ableugnen funktioniert jetzt nicht mehr. Der staatsmännische Anzug passt nicht mehr und auch die Gesetze können nachträglich nicht mehr passend gemacht werden.
Eine riesige Kreatur aus Schäferhund, Fledermaus und Ratte liegt auf der Bühne. Feuerrot blinken ihre Augen. Jede und jeder kann alles in sie hineininterpretieren, was ihm oder ihr einfällt. Ebenso wenig legen sich die handelnden Personen, der Text und die Umsetzung fest. Moralische Einschätzung braucht Elfriede Jelinek dieses Mal nicht zu liefern. Zu klar liegt der Fall. Also weidet sie die Vorlage aus. Und mit ihr die Regie. Nettes Beiwerk auf der Bühne sind die drei Musikerinnen, die als russische Diskopüppchen das Ibizaflair liefern dürfen. Auch kostümtechnisch wurde hier nicht gespart. Ob die vier Performerinnen im weißen Anzug mit rot weißer Schärpe, im Alienkostüm, im platinblonden Spioninnnenoutfit oder im Jesushemd auftreten, es gibt viel zu sehen. Auf der Bühnenrückwand werden derweil animierte Politikerköpfe vor Palmen zur Popmusik zu nickenden Karikaturen ihrer selbst. Daneben ist der Schriftzug „Cult“ in Frakturschrift zu lesen. Und man sieht Ausschnitte aus genau der Presse, die man kaufen und nach Belieben verbiegen wollte.
Jelinek bekam die Vorlage für ihr Stück „Schwarzwasser“ auf dem Silbertablett geliefert. Die Affäre um das konspirative Treffen aus Ibiza zwischen dem damaligen Vizekanzler Strache und dem FPÖ-Klubobmann Gudenus mit einer vermeintliche Oligarchennichte braucht wenig weitere Zutaten. Die handelnden Personen entlarven sich selbst. Die Realität ist schon selbst die Satire. Umso kabarettistischer fällt dieses Mal die genüssliche Zerlegung dieses brillanten Stoffes durch die Wortverdreherin Jelinek aus. Jedenfalls sieht das die Jungregisseurin Christina so, die den Text im Neuen Haus des Berliner Ensembles auf die Bühne brachte. Wo die reale Selbstinszenierung schon so viel Schmiereinkomödie enthält, kann man auf de Bühne nur noch einen Gang hochschalten. Nie wurde Jelinek, die ihre Satzkaskaden und Wortungetüme so lange dreht und wendet, bis entweder ein vermeintlicher Sinn erkennbar oder jeder verloren geht, so beim Wort genommen. Ihr Spiel mit Worten wird von den vier Schauspielerinnen auf der Bühne mit noch mehr Lust am Wechselspiel der Gestik, des Tonfalls, der Sprechhaltung und der Körpersprache angereichert, dass man das Gefühl hat: Hier hat jemand Jelineks Schreibweise konsequent ins Darstellerische weitergedacht. Konnte man sonst eher über Jelineks Wortdrehzahl nur staunend den Kopf schütteln, so wird sie hier von der Quote der Umdrehungen, die die vier Darstellerinnen bei ihrem Spiel hinlegen, locker getoppt. Dass viele ihrer Auftritte dabei fast zu kabarettistischen Klamauk-Nummern werden, nimmt man amüsiert in Kauf. Vielleicht ist das genau die richtige Art mit so einem Politikskandal umzugehen. Sich lustig zu machen über Menschen, die sich selbst zu allmächtigen Göttern aufspielen wollten. So ist am Schluss zumindest eines klar: Jelinek ist eben immer noch eine noch bessere Wort-Manipulatorin als jeder Politiker.
Birgit Schmalmack vom 7.1.22