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Die Reue bleibt aus

Der manipulierte Sex Andre Reifenrath


"Ich bin ein Papakind." Das gibt Susanne Reifenrath gleich zu Beginn ihrer schwierigen Vater-Recherche zu. Sie war das jüngste von (mindestens ) 14 Kindern, die ihr Vater zeugte. Noch während ihrer Kindheit trennten sich ihre Eltern und der Vater konnte auf dem Sockel der Sehnsucht stehen bleiben, bevor sie ihn in der Pubertät von diesem wie ihre anderen fünf Geschwister hätte stoßen können. Sie war die einzige, die sich nach seinem Tod für sein literarisches Erbe interessierte. Die Zeugnisse davon liegen auf der Bühne. "Ich habe alle Restexemplare seines Buches `'Der manipulierte Sex' aufgekauft," verrät sie.
Das gleichnamige Buch hatte ihr Vater J.W. Reifenrath 1968 herausgebraucht. Es war ein krudes Plädoyer für die freie Liebe. Im Fahrwasser der Achtundsechziger segelte dieser Lebemann und Altnazi auf der Welle der sexuellen Revolution. Doch vielleicht sollte es nur die Sexgier ihres Vaters mit wohlfeilen Begründungen rechtfertigen? Er war bereits 1917 geboren, hatte die Auswirkungen des ersten Weltkrieges und als Soldat den zweiten Weltkrieg miterlebt. Wo andere ihre Traumata in Schweigen, Bitterkeit, Alkohol und Einsamkeit zu verarbeiteten versuchten, schlugen sie bei ihm ins Gegenteil um. Die Erfahrungen von Stalingrad hatten bei ihm zu einer Lebensgier geführt, die hauptsächlich in ausufernder Lust auf Frauen und Sex mündeten. Ein Altnazi im Gewand eines Hippies. Ein gewalttätiger Macho im Gewand eines sexuell Aufgeklärten. Ganz im Geist seiner Lebensprägung blieb er jedoch ein Patriarch, für den Gleichberechtigung ein Fremdwort blieb.
Reifenrath beginnt erst 20 Jahre nach seinem Tode mit seiner inszenierten Befragung. In fünf Kapiteln beleuchtet sie in ihrer Inszenierung sein Leben, sein Denken, seine Beziehung zu seinen Familienmitgliedern. Und die zu ihr. "Ich wollte euch von einem Mann erzählen, der voller Ideen steckte. Ich wollte euch nicht von einem Mann erzählen, der meiner Mutter Gewalt angetan hat." In dieser Dialektik steckt Reifenraths Vater-Tochter-Geschichte fest. "Ich bin in vielem wie mein Vater. Seine Kreativität habe ich von ihm," ist sie überzeugt.
Um bei dieser sehr intimen Recherche nicht ganz die Distanz zu verlieren, bekam sie bei der Umsetzung Unterstützung von fünf befreundeten Regisseur:innen (Iris Minich, Nina Mattenklotz, Dor Aloni, Marc von Henning und Fernanda Ortiz). Manchen von ihnen fiel die Beschäftigung mit einem solch autoritären "Nazi-Arschloch" schwer und sie fragten Reifenrath wie Dor Aloni, warum sie dabei überhaupt mitmachen sollten. "Weil ich dich bezahle," war ihre pragmatische Antwort.
Reifenrath gelingt es trotz einer hoch angelegten Pathoslatte die Balance zwischen Gefühligkeit, Selbstironie und Lakonie zu wahren. Selbst in der letzten Szene: Hier wünscht sie sich, dass wenigstens auf der Bühne ihr Vater sie um Entschuldigung bitten sollte, weil ihn mittlerweile sein Verhalten reue. Er soll dies mit den letzten Worten des "King Lear" an seine treue Tochter Cordelia ausdrücken. Marc von Hennig gibt sich alle Mühe, diese möglichst empathisch zu sprechen. Doch selbst auf der Bühne gelingt das nicht. Irgendwie mag Reifenrath ihrem Vater selbst in der gespielten Szene die Reue nicht abnehmen. Die späte Aussöhnung zwischen ihrem bewunderten Papa und dem verabscheuten Gewalttäter wird eine Wunschvorstellung bleiben. Das echte Leben ist keine Bühnenvorstellung.
Birgit Schmalmack vom 18.1.22