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Schöne neue Geburtswelt?

Ready to pop, Monsun G2 Baraniak



Statt Geburtszange und Fruchtblasensprengung soll nun am Anfang des Lebens der Wohlfühlfaktor einkehren. Die Geburt soll zu einem Erlebnis gemacht werden, das die werdenden Eltern miteinander teilen und sich dabei wohlfühlen. Statt Machtausübung der Männer in Weiß über den Frauenkörper sollen die Bedürfnisse aller befriedigt werden. Schmerzfreiheit inklusive Rundumsorglospaket wird auf den Werbeportalen der Geburtskliniken vollmundig versprochen.
So führt auch bei "Ready to pop" ein launiger charmanter Moderator im Glitzeranzug und mit niedlichen holländischem Akzent durch die abendliche Geburtsshow, allerdings mit Totenkopfmaske. Er hat allerlei Quizfragen mit Gewinnmöglichkeiten im Gepäck. Doch ist die Konfettikanone, die zum Schluss gezündet wird, auch angebracht? Wie sieht die Wirklichkeit aus? Hängt der Wellnessfaktor nicht eher vom Geldbeutel ab? Wird den Eltern nicht ein Zuviel an Umsorgung und Vorsorge versprochen, das zu ganz neuen Formen der Verunsicherung im Zeitalter der Optimierung führt? Wird hier nicht nur ein Mehr an unnötigem Konsum verkauft, angeblich um dem werdenden Leben zu einem sorgloserem Anfang zu verhelfen?
Waren die beiden ersten Teile der "Trilogie der Anatomie" im Monsun Theater dem Schrecken zum Beginn des Lebens und der gnadenlosen Machtausübung der Autoritäten über den Frauenkörper gewidmet, so scheint jetzt alles Spaß, Freude und Wohlbefinden zu verheißen. Dementsprechend glitzert und glänzt dieser letzte Teil, der in die Gegenwart und Zukunft der Geburten katapultiert. Dass unter der strahlenden Oberfläche noch manches im Argen ist, klingt nur für diejenigen, die genau hinsehen, mit an. Genau so, wie es auch in der schönen neuen Medien-Werbewelt eines genaueren Blicks bedarf, um die Fallstricke zu erkennen.
So bewies Regisseurin Cora Sachs mit ihrem tollen Team und ihrem fantastischen Solo-Schauspieler Pablo Konrad mit dieser Trilogie, dass sie über eine riesige Bandbreite an Inszenierungsideen verfügt - bei gleichzeitiger Wahrung ihrer ganz speziellen Handschrift.
Birgit Schmalmack vom 27.6.23