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Hochaktuell: Ein Mensch auf der Bühne

Rio Reiser - Mein Name ist Mensch im Theater am Kurfürstendamm im Schillertheater Foto: Franziska Strauss


"Wir bleiben hier". Dieser Banner hängt irgendwann im Laufe des Abends auf der Bühne. Was einst ein Slogan der Hausbesetzerszene war, hängt nun an vielen Berliner Häuser, leicht abgewandelt in "Wir bleiben alle." So aktuell ist der Abend über Rio Reiser (Philip Butz) in der Komödie am Kurfürstendamm im Schillertheater. Obwohl er mitten im bürgerlichen Charlottenburg stattfindet.
Doch es ist nicht nur ein aktueller Abend sondern auch ein mitreißender und ein berührender. Denn er zeichnet nicht nur die Karriere von Rio Reiser nach, sondern versucht auch zu ergründen, was ihn persönlich bewegte und schließlich kaputt machte.
"Macht kaputt, was euch kaputt macht" oder „Keine Macht für Niemand“- diese Songs machten ihn mit seiner Band "Ton Steine Scherben" zu einer Ikone der linken 68-er Bewegung. Immer wieder stürmen seine Vertreter*innen in die Wohnung der Scherben am Tempelhofer Ufer in Kreuzberg, um sie für ein Konzert zu gewinnen. Die Scherben rasen von einem Event zum nächsten. Doch da alle Ticket-Preise über 9 DM schon als kapitalistische Ausbeutung gelten, haben sie bald einen riesigen Berg an Schulden aufgehäuft.
Mit einer Flucht aufs Land versuchen sie sich diesem Druck der Szene zu entziehen, doch auch hier gelingt der Neuanfang nicht. Die Band löst sich auf und Rio Reiser beginnt seine Solo-Karriere. Mit seinem Lied "König von Deutschland" kommt der kommerzielle Durchbruch und gleichzeitig die nächste Vereinnahmung, diesmal durch die Plattenindustrie.
Die Tagebuchsequenzen, die per Videoeinspielungen eingestreut werden, zeigen, was Rio eigentlich wollte: Er wollte Mensch sein. "Mein Ziel ist die Liebe". Doch genau diese blieb ihm Zeit seines Lebens in der Öffentlichkeit verwehrt. Homosexualität war damals noch offiziell unter Strafe gestellt. So fühlte er sich immer wieder als Marionette der anderen und rebellierte dagegen in scheinbar unvermittelten Wut-Ausbrüchen, was ihn dann in die Einsamkeit stürzte. Dass er nach der Wende sich auch noch in die PDS eintrat, erscheint da fast wie eine gewollte Provokation des Musikbusiness.
Genau diesen Teufelskreis führt dieses Schauspielmusical von Frank Leo Schröder und Gert C. Möbius sehr einfühlsam und mit klugen Schnitten zwischen kurzen Szenen und Songs vor Augen. Etwa wenn Reporter auf Rio einstürmen und ihn zu seinem Engagement für die PDS und zu seinen Liebesbeziehungen befragen wollen und er mit dem Lied "Alles Lüge" kontert.
Seinen letzten Song "Junimond" singt Rio Reiser dann von einer Wolke auf der zweiten Etage der Bühne herab. Er ist an den Folgen seines Alkoholkonsums gestorben. Und zwar im Alter von nur 46 Jahren. Doch in seinen Songs bleibt er lebendig, wie dieser Abend beweist. Erst nach drei weiteren Zugaben entließ das begeisterte Publikum das hervorragende Ensemble mit Standing Ovations. Unbedingt hingehen.
Birgit Schmalmack vom 14.10.20