Vor dem Fall, Kammerspiele
Die Angst vor der Leere
Vor dem Fall, Kammerspiele
© Bo Lahola
Wie viel Lüge verträgt eine Freundschaft und wie viel Wahrheit benötigt sie? Die vier Menschen, die sich hier auf der schicken Dachterrasse begegnen, sind seit Jugendtagen miteinander befreundet. Nun hat Tom (Max von Pufendorf) sie anlässlich der Geburt seiner ersten Tochter eingeladen. Er will zeigen, dass er es geschafft hat. Er ahnt nicht, wie sehr er damit genau in diesem Moment nach außen hin recht haben wird. Seinem Bruder Ben (Marius Bistritzky) ist gerade gekündigt worden, sein Freund Marc (Alexander Wipprech) ist verlassen worden und aus Lisa (Nadine Schori) ist immer noch kein Schauspielstar geworden. Doch leider gleichzeitig schwanger, ausgerechnet von Tom, mit dem sie ein Verhältnis hat. Von letzteren dürfen alle anderen natürlich nichts wissen. So ist bald klar: Alle diese vier haben einiges unter den Teppich gekehrt und zu dieser Erfolgsfeier ihre Strahlemienen aufgesetzt. Dass hier einiges im Untergrund schlummert, merkt man an den Spitzen, die sich den ganzen Abend immer wieder in die Seiten treiben. Dabei handelt es sich nicht nur um nett gemeinte Frotzeleien. Ihre Vorwürfe, die sich in einem Witzgewand verstecken, treffen hart, denn sie kennen sich zu gut, um an der Oberfläche zu bleiben.
Hadrien Raccahs Stück „Vor dem Fall“, das seine deutsche Uraufführung nun an den Kammerspielen feierte, greift zu einem bewährten Mittel für ein Well-Made-Play. Vier Personen in einem geschlossenen Raum ohne Ausweichmöglichkeit (die Terrassenrolladen sind bald durch einen Kinderstreich verklemmt), sind so angespannt, dass sie sich gegenseitig ihre Abgründe offenbaren. Unter der schönen glitzernden Oberfläche verbergen sich die ganz persönlichen Dramen. Jeder bekommt von ihnen seinen oder ihren Wahrheitsmoment, wenn auch nicht immer freiwillig.
Regisseur Martin Woelffer ist als Intendant der Komödie am Kurfürstendamm Komödien erprobt, daher inszeniert er den Stoff weniger mit der Absicht menschliche Tragödien zu erzählen als vielmehr die absurd-humorvollen Momente in den Vordergrund zu rücken. Dass der Titel des Stückes nicht nur metaphorisch gemeint ist, sondern sich am Schluss einer von ihnen tatsächlich vom Hochhausdach stürzen wird, schmälerte daher das Vergnügen des Premierenpublikums nicht. Immer wieder riefen sie das Ensemble mit ihrem begeisterten Applaus am Ende auf die Bühne. Wird auch im Programmheft vor der Thematisierung von Suizid im Stück gewarnt, so bestätigten sich Zuschauende beim Verlassen des Theaterraumes, das Stück sei sehr kurzweilig gewesen. Denn in der lärmenden Aufgekratzheit der Vier auf der Bühne konnte man die leisen beunruhigenden Stellen fast überhören.
Birgit Schmalmack vom 4.5.26
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