Hundeherz, DSH
Hundeherz, DSH
Foto: Thomas Aurin
Revue des Horrors
Hochausschluchten erstrecken sich bis in den Himmel, von dem schwarzer Schnee herabrieselt (Bühne: Andreas Auerbach). „Warning“ läuft über die Ticker, von düsterer Musik untermalt und ein paar Gestalten huschen durch die Kulisse. Ein zerzauster Hund betritt zaghaft die Bühne, von einem Mann mit seiner Hand im Körper zum Leben erweckt. Ein absolut eindrucksvoller atmosphärisch dichter Start der Premiere von „Hundeherz“ am Schauspielhaus, einem allegorischen Roman von Bulgakow, hier in der apokalyptischen Überschreibung von Armin Petras.
Doch dann überschlagen sich die Ereignisse, Bilder, Figuren und Orte. Ein Wissenschaftler (Bettina Stucky) erbarmt sich des verletzten Straßenköters, zunächst scheinbar ganz uneigennützig. Doch bald wird klar: Er will ihn nur für seine eigenen Forschungsexperimente benutzen. Er pflanzt dem Hund menschliche Organe eines Kleinkriminellen ein. Und erschafft damit keinen Menschen, sondern ein Monster. Frankenstein lässt grüßen. Der Hundemensch (Oscar Olivo) wird zum Mörder, weil er sich von der allgegenwärtigen Propagandamaschinerie einreden lässt, dass die „Katzenartigen“ die Gesellschaft zugrunde richten würden. Bald hat er den ersten Katzenartigen ermordet. Der Wissenschaftler und sein Team geraten in Bedrängnis.
Doch damit nicht genug: Eine KI (Sandra Gerling) ist allgegenwärtig, gibt vermeintliche Erklärungen, macht Ankündigungen und zeigt zum Schluss mehr Gefühle als die sie umgebenden Menschen. Eine Mitarbeiterin des Aufklärungsministeriums (Angelika Richter) kichert sich hysterisch ins Gespräch und heiratet schließlich den mordenden Hundemenschen. Cher (Sachiko Hara) und Robert de Niro (Felix Knopp) haben immer wieder Gastauftritte, als Promis, die sich auch gerne einspannen lassen, um ihre Aufmerksamkeitskurve hochzuhalten. Um diese scheint sich auch die Regisseurin Claudia Bauer allzu sehr bemüht zu haben. Es gibt so viel in so kurzer Taktung auf der Bühne zu sehen, dass es schwerfällt Schritt zu halten. Zumal alle Stränge jeweils vermeintliche Metaebenen im Gepäck haben. Denn der Stoff ist hoch aktuell. Genforschung in Verbindung mit KI und faschistoiden Ideologien ergibt eine toxische Mischung. Doch Bauer erlaubte sich eine naheliegende aktualisierende und stringente Umsetzung nicht, sondern suchte ihren Zugriff in der konsequenten Überzeichnung.
Das hat allerdings den Nachteil, dass die einzige Figur, in die man sich kurzfristig einzufühlen vermag, die lebendig gewordene Hundepuppe ganz am Anfang ist. Sie ahnte schon, dass die Menschen ihr nichts Gutes tun wollen, als sie sie auf dem OP-Tisch festbanden. Die fehlende Möglichkeit zur Empathie liegt aber keinesfalls am menschlichen Ensemble. Alle spielen ihre Klischeefiguren mit Inbrunst. So gehen die beklemmenden Botschaften in der großen Revue auf der Bühne in der Dauerberieselung fast unter. Wären da nicht die beeindruckenden Chorauftritte der „Prolis“ in ihren Fellutensilien gewesen. Wenn sie betörend schön von der "Seuche der Demokratie" singen, erreichen sie genau die Ebene, die untergründig berührt und verführt. Die ist noch viel gefährlicher als all das Grell-Bunte, das hier über die Bühne zuckte.
Birgit Schmalmack vom 27.4.26
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