Die Herausforderung des Ungebrochenen, MUT-Theater
Die Herausforderung des Ungebrochenen, MUT-Theater
MUT-Theater
Noch ist Zeit
Die Bühne ein Wald aus etlichen deckenhohen schwarzen Rohren. Zwischen ihnen können die Menschen, ebenfalls in schwarz, fast verschwinden. Manchmal jedenfalls. Doch sie sind stets in Gefahr, denn ihre Handlungen, Gedanken und Wünsche werden ständig überwacht. Schmalere Rohre können zu Waffen und Folterinstrumenten werden, umfallende Rohre zu Raketeneinschlägen und kreisförmig aufgestellte zu einem Gefängnis. Ein Mann steht im Mittelpunkt dieser Geschichte, die von Widerstand, Unterdrückung, Kampf und Hoffnung erzählt. Gleich zu Beginn macht eine Folterszene klar, in welcher Lage er sich befindet. Sein Kopf wird von zwei Männern in eines der Rohre gesteckt und mit Elektroschocks malträtiert. Doch wie kam er in diese Zelle?
Er beginnt sich zu erinnern. Er ging in die Berge. Er wollte sich für die Freiheit engagieren. Auch wenn er wusste, welches Risiko er dafür einging. Doch schnell muss er erkennen, dass seine moralischen Ansprüche unter den Kampfesgenossen nicht gefragt sind. Als er sich weigert, einen festgenommenen Soldaten der anderen Seite zu erschießen, widersetzen sich die Anderen. Seine Kampfesgruppe bricht auseinander. Bald darauf wird er festgenommen und unter Folter Verhören unterzogen. Als er im Gefängnis seine Schwester (Nilofar Khodabakhshi) trifft, erinnern sie sich beide an ihre Fantasien als Kinder. Sie tauchen zwischen den schwarzen Rohren in die Heldengeschichten ihrer Kindheit ein und geben sich so gegenseitig neue Hoffnung.
Mit wenig Mitteln erschafft Autor, Regisseur und Bühnenbildner Mahmut Canbay in seinem MUT-Theater ein eindringliches Stück über den Mut, den es erfordert, in schwierigen Zeiten seinem Gewissen treu zu bleiben. Aus dem Ensemble ragt der Hauptdarsteller Emrah Demir heraus, dem es gelingt, seiner Widerstandskraft, Angst, Verzweiflung und Hoffnung glaubhaft Ausdruck zu verleihen. Auch wenn es ein Stück über den Widerstand gegen die Unterdrückung von Identitäten und Kulturen in autoritären Regimen ist, so verknüpft es Canbay am Schluss mit einem eindringlichen Appell an sein Publikum in Deutschland: Noch gebe es hier die Freiheit einer funktionierenden Demokratie. Man hätte diese Deutlichkeit nicht gebraucht, denn Canbays Text spricht auch ohne sie für sich selbst.
Birgit Schmalmack vom 12.05.26
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