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Spucken wir auf Hegel, Lichthof

Spucken wir auf Hegel, Lichthof

© Anika Buessemeier

Die Herausforderung des Denkens

Alles radikal in Frage zu stellen, das hat sich die Feministin Carla Lonzi getraut. Sie wollte sich nicht mehr mit ihrer weiblichen Rolle zufriedengeben. Gerade als sie als Kunstkritikerin Erfolg hatte, gab sie ihre Tätigkeit auf. An dieser Entscheidung hatte sicher auch die Beziehung zu dem Bildhauer Pietro Consagra einen Anteil. In dieser erlebte sie auf privater Ebene, wie sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse auswirken. 15 Jahre waren sie ein Paar, bis Lonzi die Beziehung in Frage stellte. Das Paar setzte sich vier Tage lang an einen Tisch und diskutierte über den Zustand und die Zukunft ihrer Beziehung. Dabei lief das Tonband mit und ihre Gespräche erschienen später als Buch. In vier Szenen setzen sich nur Lea Barletti und Werner Waas ebenfalls an einen Tisch im Lichthof Theater und schlüpfen in die Rollen dieser beiden. Dabei analysieren sie schonungslos und ehrlich ihre Wünsche, Bedürfnisse, Erwartungen und Enttäuschungen. Doch während Pietro sich aus seinem ganz persönlichen Erleben äußert, nimmt Carla demgegenüber immer eine analytisch politische Haltung ein. Sie hinterfragt die Verhältnisse von einer Meta-Ebene aus, die weit über ihr eigenes Erleben hinausweist. Sie zwingt dadurch Pietro sich mit dieser auseinanderzusetzen. Während dieser auf seinen unhinterfragten Rechten als Künstler besteht, erteilt sie dem Genie-Kult des Mannes, dem Frauen zu dienen hätten, eine Absage. Sie will, dass Frauen Subjekte aus eigenem Recht sein sollten. Sie will nicht erst unter der Führung der Männer zu einem Subjekt werden.

Zwischen diese vier Gesprächsauszüge am Tisch hat das Künstlerpaar Theoriepassagen aus Lonzis „Spucken wir auf Hegel“ und Auszüge aus ihren Tagebüchern gesetzt. In ersteren nimmt sich Lonzi die Denkstrukturen berühmter Männer wie Hegel, Lenin und Freud vor und stellt ihnen ihre eigene Sichtweise entgegen. Sie entlarvt dabei die Männer, deren einziges Streben der Machterhalt zu sein scheint. Doch ihr Wunsch ist keine Gleichberechtigung im herkömmlichen Sinne: „Die Gleichheit der Geschlechter ist die Hülle, mit der heute die Unterlegenheit der Frau getarnt wird.“ Sie will, dass der Gleichheit als juristischem Prinzip die Unterschiedenheit als existentielles Prinzip entgegengesetzt wird. In ihren Tagebuchauszügen wird dagegen die Frau präsent, die auch in ihren privaten Beziehungen alles genau verstehen will. Bei ist ihr das Private stets politisch.

Barletti und Waas sind erfahrene Theatermachende. Sie haben auch jeweils eine kurze Erholungspause zwischen die Szenen gesetzt, mit der Möglichkeit zum Reden, Essen, Trinken und Rausgehen. Obwohl leider zum Hamburger Gastspiel der TD-Koproduktion aus Berlin nur wenige Zuschauerinnen den Weg ins Theater gefunden hatten, kam in keinem Moment ein Gefühl einer Lücke auf. Ganz im Gegenteil. Die intime Atmosphäre führte dazu, dass der Austausch über das Gesehene und Gehörte umso intensiver geführt wurde. Das lag auch zum großen Teil daran, dass Barletti und Waas die perfekten Gastgebenden in ihrer Denkwerkstatt sind. In jeder Pause gingen sie zu den kleinen Tischgruppen, an denen das Publikum saß, und wiesen auf eines der Bücher hin, die auf den Tischen verteilt waren. So viel mehr Denkanregungen hätte die in Deutschland immer noch wenig bekannte Feministin auch heute noch zu bieten gehabt. Ein einladender, anregender und überaus sympathischer Abend. So macht das Denken Spaß. Heute Abend gibt es noch eine Gelegenheit, ihn in Hamburg-Bahrenfeld im Lichthof um 20:15 Uhr zu erleben.
Birgit Schmalmack vom 9.5.26

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