The times are racing, Staatsoper
The times are racing, Hamburg Ballett
Foto: Kiran West
Nie enden wollende Hoffnung
Der Ballett-Abend mit dem Titel „The times are racing“ gab Einblicke in ein Stück Ballettgeschichte der letzten fünfzig Jahre. Damit gibt Dennis Volpi 2024 als Nachfolger von John Neumeier seinen Einstand an der Staatsoper. Sein eigenes Werk stellt er ganz bescheiden zwischen die Anderen und zeigt sich damit als einer in einer Reihe.
Gleich zu Beginn ist eine Grand Dame des Balletts zu sehen: Pina Bausch, allerdings mit einem Werk, das nach der Uraufführung von 1974 nie wieder gezeigt wurde, was schade ist. „Adagio“ aus ihrer Arbeit über fünf Lieder von Gustav Mahler bebildert das Thema, unter dem der gesamte Abend steht. Es geht um Begegnungen zwischen Menschen. Es geht um das Finden und das Verlieren. Es geht um die Gemeinschaft und um die Einsamkeit. Es geht um das Auftauchen und das Verschwinden. Hier bei Pina Bausch geschieht das alles wie in einem Traum. Die Gesichter bleiben regungslos, scheinen wie Geister aus der Vergangenheit. Erstarrungen wechseln ab mit Zeiten hektischer Bewegung. Mal rennen sie gehetzt von einem unsagbaren Schrecken verfolgt über die Bühne, mal bleiben sie wie in einem Standbild stecken. Sie kommen sich näher ohne sich je wirklich zu begegnen. Schnelle, sprunghafte Bewegungen bleiben in Bewegungslosigkeit stecken. Mal wirken ihre Extremitäten, als wenn ihre Gelenke versagen. Dann knicken ihre Knie in der Bewegung ab oder ihre Beine zeigen ein Zittern, das von einem Versagen erzählt. So liegt die Mahnung an die Vergänglichkeit über allem. Vor ihr scheinen die Menschen entfliehen zu wollen, doch klar die Vergeblichkeit dieses Unterfangens vor Augen.
Danach ist das Werk „Variations for Two Couples“ des niederländischen Altmeisters Hans van Manen von 2012 zu sehen. Zu Musik von Britten bis Piazzolla ließ er zwei Paare vor Lichtbögen auf dunkler Bühne aufeinandertreffen. Harmonisches Ballett vom Feinsten mit kleinen humorvollen Akzenten war hier zu sehen. Schwünge, Drehungen und Hebungen, die ineinanderfließen und wieder entschwinden. Die beiden Paare scheinen fast identisch mit ihren zum Teil völlig synchronen Bewegungen zu sein und dennoch werden allmählich kleine Charakterisierungen der Einzelnen sichtbar. Mal hier ein Kopfwackeln, mal hier ein Bein Abwinkeln. Doch das bleiben kleine Anmerkungen in ihren fließenden Bewegungen.
Gleich darauf folgt ohne Pause Dennis Volpis eigener Beitrag zu dem Viererabend: „The thing with feathers“ von 2023. Auf die „Metamorphosen“ von Richard Strauss erzählt er von dem Auftauchen und Verschwinden. Aus dem Dunkeln des Bühnenhintergrunds tauchen die Menschen allmählich auf, um gleich darauf wieder von ihm verschluckt zu werden. Wunderbare intensive Pas de Deux, Gruppenszenen und Einzelleistungen sind zu sehen. Immer wieder fallen sich die Menschen im Vorübergehen in die Arme, doch ihre Zweisamkeit hält nicht lange an, die Trennung folgt schnell. Die Choreographie ist auf ein Gedicht von Emily Dickinson entstanden. In ihm ist die Rede von der Hoffnung, dem Ding mit Federn, das in der Seele sitzt und niemals aufhört. Dazu passen perfekt die Begegnungen, die Volpi für die Menschen auf der Bühne erfindet. Sie zeugen von Wünschen, Erwartungen Enttäuschungen und nie enden wollender Hoffnung.
Den Abend schließt eine mitreißende Arbeit aus New York ab. In Sneakers und bunter Streetware zu der Musik von Dan Deacon, "USA I-IV" aus dem Album "America" lässt Justin Peak mit dem großen Ensemble das pralle Leben auf der Bühne vorüberziehen. Bei ihm ist es aber eher eine Feier der Energie und Lebensfreude als eine der drohenden Vergänglichkeit. Nicht nur die Kostüme sind bunt, sondern Peak mixt auch die Tanzelemente bunt durcheinander. Breakdance, Stepptanz und Modern Dance sind ebenso zu sehen wie Ballettanklänge. So hält der Broadway Einzug in die Hamburger Staatsoper und verleiht der Freude am puren Leben mitreißenden Ausdruck. Auch das bringen die Tänzer:innen des Hamburger Balletts ausdrucksvoll und kraftvoll auf die Bühne. Ihre Freude spiegelt sich auf ihren Gesichtern und in ihren Bewegungen und lässt das Publikum am Schluss in begeisterten Applaus ausbrechen. Ein Abend, der die Zuschauenden beschwingt und beglückt aus der Staatsoper entlässt und dennoch in der Rückschau auch die besinnlichen und bedrückenden Momente des Lebens beinhaltet.
Birgit Schmalmack vom 13.5.26
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