The Worldship, Kampnagel
The Worldship, Kampnagel
©Öncü Grant Gültekin
Zusammen auf dem Weltschiff
Die Welt ist ein Schiff, in dem wir alle gemeinsam leben und arbeiten. Wir müssen uns den spärlichen Raum teilen, ihn gemeinsam gestalten, nutzen und schützen. So ist der Bühnenraum unter dem riesigen Segel, das sich über die ganze Halle spannt, zunächst ein Platz zum Arbeiten. Mit klar gesetzten Bewegungen, die genau festgesetzten Regeln folgen, scheint die Tänzerin auf ihrem Podest Leinen zu zurren, Segel zu hissen oder einen Fischfang aufs Deck zu ziehen. Ihre Bewegungen sind hart, entschlossen, routiniert und von einer fast unmenschlichen Abgehaktheit. Wie eine Maschine vollführt sie ihre Arbeit, ganz konzentriert auf ihre Leistung. Irgendwann gesellen sich weitere Weltschiffsbewohner hinzu. Jede:r von ihnen hat dabei der eigenen Aufgabe nachzugehen. Klar dass es dabei im Verlauf auch zu Konflikten kommen muss.
Das Publikum sitzt in der Halle rund um die Bühne verteilt. Überall sind große und kleine Kissen ausgelegt. Alle dürfen sich ihren eigenen Platz suchen, auch gerne immer wieder neu, um hinauszugehen, wieder hereinzukommen oder um die Perspektive zu wechseln. Alle werden hier so zu einer Weltgemeinschaft. Vor ihnen spielen sich die unterschiedlichen Szenarien ab. Mal ergeben die Tänzerinnen ein gut geöltes Team, mal sind ihre Hierarchien deutlich zu spüren. Dann dirigiert die Eine die Bewegungen der Anderen. Oder drückt sie immer wieder mit Gewalt auf ein Podest herunter. Bis hin zu der dramatischen Szene, in der eine Tänzerin mit einem Tänzer um die sichere Rettung auf einem der Podeste ringt. Beide scheinen kurz vor dem Ertrinken zu sein. Doch es ist bis zum Schluss nicht klar, ob sie sich gegenseitig helfen oder im Gegenteil hinabstürzen wollen.
Der Choreographin Yolanda Morales gelingt es mit ihrem Team hervorragend, die Vielschichtigkeit und Abhängigkeiten auf diesem Weltschiff in allen Aspekten deutlich zu machen. Sie ließ sich inspirieren von Malcolm Ferdinands „Weltschiff“. Bei ihm ist es ein Bild für unsere Welt in der Krise – geprägt von einer kapitalistischen und technikorientierten Gesellschaft, die Natur zerstört und von Ungleichheit, Rassismus und patriarchalen Strukturen geprägt ist. Morales entwickelt dafür mit ihrem kreativen Team Tanzsprachen, die für jede Szene neue Ausdrucksweisen erfinden. So wird das Publikum von einer Atmosphäre in die nächste geworfen. Dazu trägt nicht nur die live animierte elektronische Musik bei, sondern auch die Lichtprojektion über die vier Overheadprojektoren, die so ausgerichtet sind, dass sie das riesige Segel mit Farb- und Musterbilder fluten. Das fließt alles zusammen zu einem relaxten, spannenden und anregenden Gesamterlebnis auf dem Weltschiff. Auf dem man auch gemeinsam tanzen kann. Vor dem letzten Drittel werden immer mehr Zuschauende mit in den Bühnenraum gebeten, um zusammen ausgelassen zu tanzen. Das hätte ein schönes Ende sein können. Doch so einfach macht es Morales ihrem Publikum nicht. Denn der Zustand unseres Weltschiffes lässt diesen Ausklang nicht zu. So zeigt sie in den folgenden Szenen, wie Mechanismen der Ausnutzung und Unterdrückung zu Entwicklungen führen, die uns alle mit in den Abgrund reißen könnten. Ganz so, wie bei dem ringenden Duo zuvor nie zu klären war, ob die Beiden sich gegenseitig retten oder hinabstürzen wollten. Ist das heute bei uns klar? Oder werden zum Schluss alle ertrinken? Ein sehr intensiver, atmosphärisch dichter und kluger Abend.
Birgit Schmalmack vom 23.4.26
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