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Hamlet, DSH

Hamlet, DSH

(Foto:Just Loomis)

Großes Theaterbüffet

Nachdem der Bühnentechniker Hamlet nach den ersten drei Stunden Aufführung kurz vor der Pause ein Fischbrötchen zur Stärkung angeboten hat, revanchiert sich Hamlet nach der Pause bei Freund Horatio ebenfalls mit so einem. Vielleicht auch nur, um diesen in seinen nicht enden wollenden Ergüssen endlich zu stoppen. Doch Horatio lehnt ab. Also holt Hamlet eine hübsch garnierte Platte mit Häppchen herein. Wie eine solche wirkt auch der ganze Abend, den Frank Castorf am Schauspielhaus für seine alten und wohlmöglich neuen Fans angerichtet hat. Hübsch garniert ist er mit den immer wechselnden, opulenten und fantasiereichen Kostümen von Adriana Braga Peretzki allemal. Und er bietet so viele Assoziationshäppchen zu Shakespeares Hamlet an, dass man nach sechs Stunden und unzähligen Gängen ermattet und überfüttert kaum glauben kann, dass der Altregisseur endlich zu einem Endpunkt gefunden hat.

Doch zurück zum Anfang. Aleksandar Denić hat für Castorf eine beeindruckende und sprechende Bühne gebaut. Vor einem eindrucksvollen düsteren Wolkenprospekt steht ein Gerüst mit dem heruntergekommenen Schriftzug EUROPE und daneben ein kleiner Bunker, wie sie heute noch in Albanien zu sehen sind. Der ganze Bühnenboden ist bedeckt mit schwarzen Schaumstoffsteinen, in die sich die Schauspieler von Zeit zu Zeit wie in ein Bällebad stürzen können, die aber ansonsten das Fortkommen auf der Bühne zu einer beschwerlichen Aufgabe machen. Passend dazu spricht bzw. schreit Jonathan Kempf den ersten Abschnitt aus der Hamletmaschine von Heiner Müller heraus: „Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa.“

Damit ist der Ton gesetzt: Ein Abgesang auf Europa wird hier angestimmt, allerdings eher in lauter, aufgeregter, kreischender als in nachdenklicher Weise. Dazu mag die Gesellschaft, die bald danach in die Kohlesteine stürzt, nicht ganz passen. Oder doch? Sie schwimmen eben in ihren glitzernden Kostümen lieber in der Kohle, als den Blick zu heben. Hamlet allerdings stemmt sich zunächst gegen diesen Trend. Schließlich ist er der Suchende, der Zweifler, der Hadernde. Paul Behren in der Titelrolle hält sich stets etwas abseits, ist eher der Zuschauende als der Macher.

Doch auf der Büffetplatte, die Castorf hier anrichtet, sind nicht nur immer wieder Schnittchen von Heiner Müller oder Shakespeare zu finden, sondern auch Häppchen aus Dantes Inferno oder Antonin Artauds Theater der Grausamkeit. Ein Assoziationstableau wird hier angerichtet, in das man sich nur hineinfallen lassen kann oder enttäuscht über eine fehlende Stringenz der Inszenierung zurückbleiben wird. Das Ensemble zumindest tut alles, damit sich das Publikum nicht langweilt. Sie werfen sich mit Inbrunst in ihre zahlreichen Rollen und Konstellationen. Sie sprechen sich auch immer wieder gegenseitig mit ihren richtigen Vornamen an und nehmen dann ironisch zu ihrer Figur, dem Geschehen oder auch zu den Einfällen eines gewissen Regisseurs „Frank C.“ Stellung. So tituliert ihn Matti Krause alias Horatio in seinem schon erwähnten endlosen Klatschmonolog nach der Pause, weil er ja keine Namen nennen möchte. Er lässt sich über C.s Erfolge im deutschen Theaterbetrieb aus, die seiner Meinung nach nur mit zahlreichen strategischen Liebschaften möglich wurden.

Schützt Selbstironie vor Kritik von außen? Wenn Krause auch über Castorfs Vorliebe für viel Text für Männer und wenig Textil für Frauen herzieht, trifft dies auch in besonderer Weise auf diesen Abend zu. Die drei jüngeren Frauen (Alberta von Poelnitz, Linn Reusse und Lilith Stangenberg)
bekommen zwar auch etwas zu sagen, laufen aber meist in Latex und Variete-BHs herum. Aufreizender geht es kaum.

Doch damit nicht genug. In sechs Stunden ist auch noch für etliche Songs, mal in dröhnender Lautstärke, mal in Schlagerharmoniesoßentonalität Platz. Auch für Einspielungen des Dachau-Blues oder des Liedes „Mädchen aus Mauthausen“ mit eingeblendetem Text in riesigen Buchstaben, um an die Tiefpunkte der europäischen Geschichte zu erinnern. Aber auch dem Ende des Kommunismus wird mit dem Stürzen von Stalindenkmälern und dem Zerreißen von Lenin- und Stalinplakaten gedacht. Und eine mickrige Cola-Leuchtreklame am EUROPE-Mast deutet an, dass die Tage des auftrumpfenden Kapitalismus gezählt sind. Seitenhiebe auf das Theater als gesellschaftliche Kraft bieten die Darstellenden zudem in etlichen Monologen an. Livekamera-Projektionen dürfen auf Castorfs Theaterbüffet natürlich nicht fehlen. Besonders eindrucksvoll geraten diese, wenn sie sich unterhalb des Bunkers abspielen. Hier hat Denić einen weiß gekachelten Raum mit Pritschen, Tisch und Abhörgerätschaften für eine Totalüberwachung geschaffen. Ausgerechnet hier findet die einzige Liebesszene zwischen Hamlet und Ophelia (grandios: Lilith Stangenberg) statt. Auf einer der Pritsche fallen sie übereinander her. Angedeutete Zärtlichkeit driftet schnell in Gier und Gewalttätigkeit ab. In der bedrückenden Enge dieses Untergrundbunkers vor den aufgehängten Verhaltensinstruktionen im Falle einer atomaren Katastrophe braucht es keine Worte mehr, um die Botschaft zu verstehen. Und das gilt für viele Momente an diesem langen Abend. Im besten Fall sprechen die Bilder, die Castorf hier mit seinem Team einrichtet, für sich, denn oft werden wohl die einzelnen Texthappen an einem vorbeirauschen. Sie werden zu Teilen eines Wimmelbildes, in das man beliebig heraus- und hereinzoomen kann. Oder um im Bilde zu bleiben, aus dem man sich seine Häppchen im Laufe der Nacht herauspicken kann.

Momente des Innehaltens gibt es bei Castorf kaum. doch einen beschert in der zweiten Hälfte Angelika Richter als Hamlets Mutter. Nachdem Hamlet endlich zum Täter geworden ist und Polonius ermordet hat, laufen ihr die Tränen herunter. In ihrem folgenden einsamen Monolog steht sie nur im T-Shirt auf der Bühne und nutzt seinen Saum, um sich den Rotz aus der Stimme zu schniefen.

Es bleiben also eher Stimmungen als Erkenntnisse zurück. Zu wenig für sechs Stunden verbrachte Lebenszeit? Das hängt ganz von der Erwartungshaltung der Zuschauenden ab. Zum Schluss gab es jubelnden Applaus. Doch vielleicht eher für das Durchhaltevermögen des Ensembles, oder auch für das eigene?

Birgit Schmalmack vom 1.5.26

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