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Ein Abend mit Robert Seethaler, Thalia

Ein Abend mit Robert Seethaler, Thalia

Foto: Urban Zintel

Es geht um Textur und Struktur, nicht um Inhalt


Wie ein Kirchenfenster, so solle sein Buch „Die Straße“ im besten Falle sein. Wie ein Mosaik aus lauter Einzelfarben und -strukturen, durch die das Licht hindurchscheinen und neue Bilder erschaffen könne. Robert Seethaler lässt in seinem neusten Roman eine Straße sprechen, und zwar durch die Menschen, die sie bewohnen, in ihr arbeiten, durch sie hindurchgehen. Die drei Leseabschnitte, die er an diesem Abend im Thalia Theater, veranstaltet von der Buchhandlung Heymann, vorträgt, werden zu Performances. "Die Straße" bekommt durch Seethalers Interpretationen eine Vielstimmigkeit, die er lebendig wird. Er ist ein perfekter Performer seiner eigenen Texte.

Im ersten Abschnitt zeigt er durch die Gespräche und laut gewordenen Gedanken der Bewohner des Altenheims Abendschein, wie deren Beobachtungen und Assoziationen sich verselbstständigen, wie sie durch ihre gespeicherten Erinnerungen spazieren und immer verschlungenere Wege einnehmen. Im zweiten Abschnitt beklagt sich ein Ehemann wortreich und ausgiebig über die tägliche Qual im Zusammenleben mit seiner Frau, nur um am Schluss festzustellen, dass man doch auch nicht alleine sein wolle. Im letzten Abschnitt bricht ein Feuer in einem der Häuser aus. Wie unterschiedlich die Bewohner auf diese Katastrophe reagieren, sich erst beschwichtigen, sich dann allmählich mit den immer höher züngelnden Flammen auseinandersetzen und sich schließlich in sichere Entfernung bringen, könnte aus einem Film stammen. Alle Stimmen rufen, schreien und fragen durcheinander, jeder will etwas Anderes bewahren, mitnehmen oder retten. Um zum Schluss zu erkennen, dass das eigene Leben das Wertvollste ist, was es zu retten gilt. So unterschiedlich die drei Abschnitte in ihrem Rhythmus, Tonfall und Stimmung sind, beweisen sie, dass der Autor es wunderbar versteht, für all diese herumfliegenden Trophäen des Augenblicks den passenden Ausdruck zu finden. Er ist der Sammler der kostbaren Momente, die das Leben in seiner Gesamtheit ausmachen.

Im Gespräch mit der Literaturexpertin Dr. Insa Wilke wurde klar, dass Seethaler sich den herkömmlichen Vorstellungen, die man sich gemeinhin von einem Autor macht, gerne widersetzt. Seine Menschen flögen ihm nicht in den Arbeitsphasen am Schreibtisch, sondern vielmehr in den Pausen zu. Als verkappter ADHS-ler sei er eh viel zu hippelig, um lange sitzen bleiben zu können. Auch Identifikationsfiguren habe er keine in seinen Romanen. Er sei ebenso die Taube, wie der grantelnde Ehemann oder der kleine Junge auf dem Dachfirst, der leichtfüßig dem Feuer entkommt. Die Form sei ihm unwichtig, ebenso der Inhalt, es komme ihm eher auf Textur und Struktur und Rhythmus an. Die Pausen seien auch innerhalb des Textes viel wichtiger als die Wörter, die sie umgeben. Die ihm oft gestellte Frage nach einem Buch, das ihn inspiriert habe, hätte er oft mit „Don Quijote“ beantwortet, weil das gut klingen würde. Aber nun wisse er endlich die richtige Antwort: „Metamorphosen“, denn es gehe ihm um den Fluss, das Transzendente und die Veränderung. Nicht die Handlungen seien im Leben entscheidend, sondern die Stimmungen, die Augenblicke und die Phasen, in denen nichts passieren würde.

Die Zuhörenden im Thalia lernten einen eigenwilligen Künstler kennen, der mit seiner ungekünstelten Ehrlichkeit beeindruckte. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass er gleich zu Beginn konstatierte, dass er viel ehrgeizloser sei als früher. Sein Erfolg gestattet es ihm mittlerweile, sich von den Erwartungen anderer nicht beirren zu lassen. Auch nicht von Wilkes Fragen und Anmerkungen. Sie ist klug genug, ihm diesen Raum zu überlassen. So konnte er sich als ein virtuoser Interpret der Sprache, beim Schreiben und beim Vortragen auf der Bühne präsentieren.





Birgit Schmalmack vom 11.5.26

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