Die Wut, die bleibt, Thalia
Die Wut, die bleibt, Thalia
Foto: Kerstin Schomburg
Einen Nerv getroffen
„Wir werden überall gebraucht.“ Das sind die letzten Worte von Lola (Nellie Fischer-Benson) am Schluss von „Die Wut, die bleibt“. Sie hat einen langen Entwicklungsprozess hinter sich. Die Mutter der Fünfzehnjährigen, Helene, hatte sich unerwartet während des gemeinsamen Abendessens der Familie aus dem Fenster gestürzt. Dabei hatte Helene (Johanna Bantzer) sich doch selbst und ihrer Tochter nach der Geburt ihrer Tochter geschworen: „Ich werde nie von deiner Seite weichen, Lola. Ich verspreche es.“ Doch dann hatte Helene Johannes getroffen, zwei weitere Kinder bekommen und war von den nicht enden wollenden Aufgaben, Verpflichtungen und Erwartungen überrollt worden, bis sie einfach nicht mehr konnte. Zuerst ist Lola hilflos ihrer Trauer und Verlassenheit ausgeliefert. Doch bald findet sie in einer Mädchengruppe in einem Selbstverteidigungskurs Unterstützung und Rückhalt. Sie beginnt zu verstehen, was ihre Mutter zu ihrem letzten Schritt trieb und beschließt, sich zu wehren. Sie lenkt die Wut, die sich anfänglich gegen ihre Mutter richtete, gegen die Gesellschaft und das System zu drehen. Sie beginnt zu verstehen, dass ihre Mutter keinen anderen Ausweg mehr fand. Das soll ihr nicht passieren. Sie und ihre Freundinnen versprechen sich gegenseitig: So werden wir nie. Stattdessen werden sie zu einer feministischen Kampftruppe, die zur Gegengewalt greift. Das Reden hat nichts genützt, jetzt greifen sie zu den Mitteln, denen sie ansonsten hilflos ausgeliefert sind. Maskiert lauern sie Männern auf, von denen sie wissen, dass sie Frauen Gewalt angetan haben, und verprügeln sie so lange, bis sie auf dem Boden liegen.
Das scheint mehr ein Stoff für ein Jugendtheaterstück zu sein. Doch Regisseurin Jorinde Dröse baut nach der Vorlage von Mareike Fallwinkel auch genügend Identifikationsfiguren für das erwachsene Publikum ein. Da ist zum Beispiel Sarah (Anja Herden), die Freundin von Helene, die sogleich als Ersatz-Hausfrau und Mutter einspringt. Helene tritt stattdessen als mahnender und kommentierender Geist der Toten auf. Oder Helenes Mann, der sich in seiner Trauer schnell mit seinen beruflichen Aufgaben, Alkoholexzessen und sexuellen Abenteuern abzulenken versucht. Ein armer Tropf, der des Mitleids speziell von Sarah bedarf, weil er als Mann ja leider so unfähig ist, seinen eigenen Gefühlen zu stellen. Und da ist Sarahs jüngerer Geliebter, der sich schon modern und feministisch angehaucht fühlt, wenn er einmal das Abendessen gekocht und die Waschmaschine befüllt hat. Und eben Sarah, eine kluge Schriftstellerin, die sich selbst und ihr Verhalten auf der Bühne stets ironisch kommentiert. Sie weiß genau, in welche Fallen sie durch den Tod ihrer Freundin tappt und stolpert dennoch zielstrebig hinein.
Das alles ist nie weit vom Klischee entfernt und liefert dennoch durch die stringente und nicht unbedingt subtile Umsetzung auf der Bühne so viele Anknüpfungspunkte, dass sich im Publikum kaum jemand dieser Wirkung entziehen kann. Zum Schlusssatz springen Hunderte von Frauen im Thalia Theater begeistert auf. Ja, diese Frauen werden gebraucht! Dieses Stück trifft einen Nerv von jungen Frauen, die auch bei der Übernahme aus dem Staatstheater Hannover ins Repertoire des Thalia Theaters zulässig für ausverkaufte Reihen sorgt.
Birgit Schmalmack vom 15.5.26
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