hamburgtheater

..... Kritiken für Hamburg seit 2000

Der Fall McNeal, Schauspielhaus

Der Fall McNeal, Hamburger Theaterfestival

Tommy Hetzel

Toxische Männlichkeit mit Opfer-Tarnkappe


Du hast mir Gewalt angetan, ist der Vorwurf seiner langjährigen Geliebten. Ich, nie, ist dagegen seine Überzeugung. Hier ist sich Jacob McNeal zum ersten Mal ganz sicher, denn auch für ihn, der gerne das „Arschloch“ für andere spielt, gibt es Grenzen. Und dennoch: Genau das hat er getan, wenn auch indirekt, wie Zeynep Buyraҫ als Francine Blake ihm Jahre später erklärt. Das ist seine Masche. Er manipuliert, lügt, verwirrt und spielt so lange mit den Gefühlen der anderen, bis sich jeder Wahrheitsgehalt in Luft aufgelöst hat. Und bis er sich selbst fast auch glauben kann, dass er im Recht ist. Dass er sich selbst aber nicht so gut wie andere belügen kann, beweist sein massives Alkoholproblem. Es gibt zu viel zu verdrängen. Seine Beziehung zu seinem Sohn ist gescheitert, seine Frau hat er in den Selbstmord getrieben, seine Geliebte hat ihn in die Wüste geschickt. So fragt er die KI, wie sein Abschiedsbrief aussehen könnte. Hol dir Hilfe, lautet die Antwort.

Sein Erfolg hilft ihm da nicht weiter. Nach 15 Jahren erfolgreicher Schriftstellerkarriere hat er endlich den ersehnten Anruf bekommen. Er erhält den Literaturnobelpreis. In seiner Dankesrede beschwört er die Bedeutung der Literatur als Bollwerk der Kunst, um nicht an der Wahrheit zugrunde zu gehen. Dass gerade er es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, passt ins Bild. Sein letztes Buch hat eigentlich seine Frau geschrieben und obendrein hat er es auch noch mit KI aufgehübscht. Doch immer, wenn er sich in die Enge getrieben fühlt, macht er einen überraschenden Move. Im Interview mit der jungen schwarzen Journalistin des New Yorker für eine Titelstory umgarnt er sie mit seiner grenzenlosen Offenheit, indem er ihr alle seine Selbstzweifel und Fehltritte gesteht. Da könnte man sogar Mitleid mit ihm bekommen.

Regisseur Jan Bosse macht in seiner Inszenierung von Ayad Akhtars Stück „Der Fall McNeal“ an der Wiener Burg natürlich alles, um diese moralische Verwirrung noch zu steigern, so weit, bis alle vermeintliche Wahrheit verschwimmt. Das Bühnenbild von Stéphane Laimé unterstützt diesen Effekt, indem er die Bühne mit einer glänzenden Videowall versieht, auf der alles erscheinen kann, was die digitale Fantasie hergibt. Mal die gesamte königliche Familie bei der Nobelpreisverleihung, mal eine bildungsbürgerliche Bücherwand, mal eine Collage aus weiteren Vertretern der Gattung toxischer Männlichkeit und mal lauter Ultraschallbilder von McNeals Alkohol geschädigter Niere.

Sein Hauptdarsteller Joachim Meyerhoff ist eine Idealbesetzung für diese Rolle, nimmt man ihm doch kaum die Figur eines durch und durch verdorbenen Egomanen ab. Er scheint diesen Fiesling nur zu spielen, nicht nur auf der Bühne, sondern auch in der Rolle. So steht er doppelt neben sich, einmal als Schauspieler, dann als McNeal. Das meine ich doch nicht ernst, ich will doch nur eure Zuneigung, ich bin doch ein ganz armer Tropf, eigentlich bin ich das Opfer, nicht etwa ihr, scheint er ständig auszurufen. Manchmal möchte man ihm fast glauben. So war das Gastspiel auf dem Hamburger Theaterfestival verdient umjubelt, auch wenn man an diesem Abend kaum neuen Erkenntnisgewinn hatte. Doch selten hat man Klischees, deren Grundlagen, Entstehung, Unterstützung und Erhaltung so überzeugend dargestellt gesehen, auch schon ohne die Mitwirkung der KI. Wie ihre Wirkung noch gesteigert werden kann, wenn sie mit ins Spiel kommt, davon erhält man an diesem Abend zudem noch eine leise Ahnung.

Birgit Schmalmack vom 9.6.26

hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000