Fringify 2026
Reminiscencia, Fringify
Fran Razeto
Experimentierfeld Freie Szene
Ein Strömen ein Plätschern, ein Röhren, ein Gewitterdröhnen, all das kann die Musik, die Roberto Maqueda live an seinem Pult erzeugt, sein und werden. Auch Erinnerungen an einzelne Liedfetzen scheinen bei ihm aus den Wassern der Vergangenheit auftauchen zu können.
Und das alles in zwei Tagen Sommer, wie derweil Marcus Peter Tesch an einem der Mikros erzählt. Endlich ist das Thermometer gestiegen und alle müssen sich sofort irgendwo ans Wasser legen. Denn wer weiß, wie lange der Sommer dieses Jahr dauern wird? So flattert Teschs poetisches Alter Ego von einer Badestelle zur nächsten und gibt sich seinen Gedanken und Assoziationen hin. Nicht nur denkt er zusammen mit seiner Performance-Partnerin über Körper, sondern auch über Besitzverhältnisse nach. Denn im Wasser lässt es sich zwar bestens auf den Grund gehen, aber eine Grundsteinlegung ist unmöglich. Unterstützt von der kreativen Komposition von Maqueda spielt Tesch in seinem Sommergedicht so gewitzt mit der Sprache, dass „Dirty Waters“ zu einem meditativen Erlebnis wird, in das man sich zu später Stunde gerne hineinfallen lässt. In dem hohen leeren Raum des Theaters Altes Heizkraftwerk fand diese Soundperformance ihren idealen Aufführungsort. Eingehüllt in Nebelschwaden sitzen die Zuschauenden auf wellenförmigen Stuhlreihen, die sich um das Lese-DJ-Pult in der Mitte schlängeln, und lassen sich einfangen von diesen wabernden Sommergefühlen, die von Leichtigkeit, Bewegung und Transformation träumen lassen. Etwas Festes wie Besitz, auf dem man festsitzt, kann in diesen Tagen fast zu etwas Überflüssigem werden.
Das Krankenhaus, in dem er geboren ist, ist dem Erdboden gleichgemacht. Übrig geblieben ist ein riesiger Haufen Schutt. Der Platz und die Straße, wo die großen Proteste 2006 und 2019 stattgefunden haben, sind von allen Erinnerungen daran gesäubert. Einzig Videobeweise aus dem Netz zeugen von den Aufständen. Doch die kleine Straße, in dem seine Großeltern wohnen, gibt es noch fast unverändert. Auf google maps kann man sie zwar nicht begehen. Also muss Valenzuela sein Handy zücken und die Bilder selbst erzeugen.
Der Künstler Malicho Vaca Valenzuela aus Santiago de Chile hat während der Pandemie sein persönliches Archiv-Experiment begonnen, das er nun in Hamburg beim fringify als autobiographische Performance unter dem Titel „Reminiscencia” gezeigt hat. Dazu hat er sich durch digitale Plattformen gegraben, um der Geschichte seiner Stadt näher zu kommen und damit auch seine eigene Biografie besser zu verstehen. Was wird von uns bleiben, wenn wir nicht mehr da sind? Diese Frage wird für Valenzuela noch bedeutender, als er erfährt, dass seine Großmutter an Alzheimer erkrankt ist. Sie selbst wird allmählich die Erinnerung an ihr eigenes Leben verlieren, noch bevor sie nicht mehr da sein wird. Doch sein Großvater tut alles, um dies hinauszuzögern: Weil seine Frau leidenschaftlich gerne singt, hat er gleich fünf Geräte parat, damit er sie jeden Abend wieder mit Musik zum Mitsingen versorgen kann.
Dass seine Stadt nicht nur eine Stadt der Revolution, sondern auch der Liebe ist, findet Valenzuela nicht nur bei seinen Großeltern bestätigt, sondern überall in der Stadt. Ein Unbekannter hat sich die Mühe gemacht, mit einem Schweißbrenner über 300 Liebesgedichte auf Metallplatten, die auf Gehwegen zu finden sind, einzubrennen. Valenzuela hat seine zahlreichen Fundstücke zu einer gefühlvollen digitalen Lecture-Performance zusammengefügt. Sie versucht ganz Persönliches mit Gesellschaftspolitischem zu verknüpfen. Dabei sind seine Erforschungen der Liebesspuren deutlich konkreter als zu denen der Revolutionsspuren. Dazu passt seine Rahmung des Abends: Am Anfang, und weil es so schön war, noch einmal zum Schluss singen alle gemeinsam das Lied von Los Panchos „Sin Ti”. Ohne dich, ohne die Liebe wäre seine Stadt ein leerer Ort.
Zwanzig Snare Drums sind im Raum verteilt. Mikolaj Rytowski steht in ihrer Mitte, direkt umgeben von vier Trommeln. Mit seinen Schlägern beginnt er mit einem ganz einfachen leisen Beat. So geht es minutenlang. Er sendet alleine seine Signale aus. Doch die anderen Trommeln scheinen ihn nicht zu hören. Doch plötzlich nach einem weiteren Schlag antworten sie zunächst mit Lichtsignalen. Dann beginnen sie zu schnarren, später zu trommeln und dumpf zu rauschen. Rytowski tritt mit seinen Trommeln in ein intensives Gespräch, er knüpft mit ihnen eine Beziehung, die Raum für Weiterentwicklung und Transformation zulässt. Die Kabel auf dem Bühnenboden zeugen von der Verbindung, die er zu ihnen aktivieren kann. Da die Zuschauenden mitten zwischen den Trommeln sitzen, werden auch sie zu einem Teil der eindrucksvollen Raum- und Musikerfahrung mit dem Titel „the snare drum project“, die das diesjährige Festival Frinfigy im Resonanzraum beendete. Da die Kuration mittlerweile alle drei Jahre wechselt, war die Ausgabe von 2026 die letzte unter der Leitung von Ksenia Ravvina und Alexandar Hadjiev. Ihr Team legte in diesen Jahren den Fokus darauf, einen Einblick in spannende Entwicklungen in der europäischen freien Szene zu ermöglichen. Sie holten Produktionen nach Hamburg, die ein breites Feld an Anregungen, Inspirationen, Austausch und Kooperation eröffneten. Es wurde ein Programm mit regionalen, überregionalen und internationalen Beteiligten gezeigt, das viel Raum für Experimentelles aufmachte. Man darf gespannt sein, welche Ausrichtung das Festival nächstes Jahr nehmen wird.
Birgit Schmalmack vom 9.6.26
hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000
