Über die Schädlichkeit des Tabaks, Garntheater
Über die Schädlichkeit des Tabaks, Garntheater
Adolfo Assor
Eine Kellertheaterratte?
Da habe er sich wohl etwas verplaudert, gibt Iwan Iwanowitsch Njuchin (Adolfo Assor) zu. Er sei leicht von seinem niedergeschriebenen Konzept abgekommen, das er zuvor auf dem kleinen Tisch vor sich abgelegt hat. Er sollte hier eigentlich einen Vortrag über die Risiken des Rauchens halten. „Ich selbst bin Raucher, aber meine Frau wollte, dass ich heute über die Schädlichkeit des Tabaks spreche, und da gibt es keine Widerrede ...“ Doch noch ist sie nicht da. Also darf er weiter ein wenig abschweifen. So spricht er über die Lasten des Lebens, seines im Besonderen. Das ist geprägt von seiner Ehe, also von seiner Frau. Denn die hat bei ihnen beiden das Sagen. Er unterrichtet in ihrer Musikschule fast alles und übernimmt zudem die betriebswirtschaftlichen Aufgaben in ihrem Mädchenpensionat. Prospekte hat er selbstverständlich gleich mit dabei, für 30 Kopeken das Stück.
Immer fällt er sich selbst ins Wort. Nein, ein schlechtes Leben habe er nicht, nicht wie ein langes Martyrium, sondern wie ein einziger Tag sei ihm seine Ehe bisher vorgekommen, stellt er augenzwinkernd fest. Dieser kleine, nein klein gehaltene Ehemann, ist geübt darin, sich selbst am eigenen Schopfe aus seinem Ehesumpf herauszuziehen. Natürlich auch um sich nicht selbst die Schuld an seinem Steckenbleiben geben zu müssen, hat er doch nicht dagegen aufbegehrt. Also bleibt er lieber bei seiner sich selbst beruhigenden Lebenslüge.
Ohne jede Pause folgt das nächste Lebensresümee. Assor verschwindet nur einmal hinter dem Vorhang an der Seite und kommt als Swetlowidow wieder heraus. Der alte Schauspieler ist nach der Vorstellung eingeschlafen und findet sich nach dem Aufwachen im komplett leeren Theater wieder. Alleine mit sich und seinen rotierenden Gedanken. Er blickt in ein schwarzes Loch. Denn das Publikum ist schon lange weg. Er hat sein ganzes Leben dem Theater gewidmet. Er hat nur dafür gelebt. Für die Aufmerksamkeit der Zuschauenden. Ihm kommen die großen Rollen in den Sinn, die er schon gespielt hat. Macbeth und Hamlet waren darunter. Assor springt von seinem Tischchen mit der leergetrunkenen Flasche auf und auf die schmale Bühne hinter ihm. Sofort ist er wieder in den Figuren und interpretiert die berühmten Monologe so intensiv, als wenn der Theatersaal prall gefüllt wäre.
War es das jetzt? Was soll jetzt noch kommen? Doch wenn der letzte Applaus verklungen ist, wer wird sich an ihn erinnern? Wer wird ihn vermissen? Fast ist es so, als wenn man dem Schauspieler Alfonso Assor ganz persönlich sprechen hört. Wenn er von sich als „Kellertheaterratte“ spricht, ist die leise Selbstironie unüberhörbar. So berühren diese beiden Monologe „Über die Schädlichkeit des Tabaks“ und „Schwanengesang“ von Tschechow, die Assor sich für seine neuste Inszenierung ausgesucht hat, ganz besonders. Hier sehen die Zuschauenden jemanden, der sich ganz der Sprache, den Texten und dem Theater verschrieben hat. Wenn nicht er, wer wüsste dann, wie es ist, seinen eigenen Theaterraum zu erschaffen. Alles hier im Keller am Victoriapark ist von ihm selbst gestaltet. Er ist Intendant, Regisseur, Bühnenbildner und Schauspieler in Personalunion. So erschafft er hier ein Theatererlebnisraum für alle diejenigen, die den Weg zu ihm in seinen Keller finden. Hier werden sie ein einzigartiges Kleinod der Theaterkunst finden, das jeden nachhaltig beeindruckt. Hier ist jemand, der seine Liebe zur Bühnenkunst mit einer solchen Unbedingtheit auslebt, dass diese Energie sich unmittelbar auf die Zuschauenden überträgt. So lohnt sich jeder Abstieg in die Kellergewölbe unbedingt, auch damit diese einzigartige Theateradresse weiterhin erhalten bleiben kann.
Birgit Schmalmack vom 22.7.26
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