Timmy, the Hope, EDT
Timmy der Retter
Auf der Bühne ein Altar unter einem Holzkreuz. Ein Pfarrer (Noah Tomiak) und drei Messdiener (Enrique Fiß, Anna Köllner, Anna Krestel) schreiten herein, eine aufblasbare Puppe eines kleinen Wals sanft zum Altar tragend. Weihrauch wabert durch den Raum als Theaternebel. Diese Gemeindeversammlung im Ernst-Deutsch-Theater ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Pfarrer hebt zu seiner feierlichen Rede an seine Gemeinde an. Ein Opfer muss gebracht werden. Das Kalb muss sterben, um uns alle zu retten. Jemand muss die Schuld auf sich nehmen, so greift der Pfarrer beherzt zum Messer und weidet das Kalb aus, um dessen Innereien durch den Fleischwolf drehen zu lassen. Damit der Leib und Blut des Kindes danach an die Walgläubigen verteilt werden kann.
Die Menschen pilgern im Frühjahr 2026 an den Ostsee-Strand, um ganz nah bei dem gestrandeten Wal zu sein, dem sie bald den Namen Timmy oder auch Hope gaben. Er wurde zu einem Medienereignis, dessen Wohlergehen jeden Abend selbst in der Tagesschau zum Thema wurde. Er sollte nicht sterben. Sie wollten ihn retten. Er wurde zu einem Symbol für etwas Größeres. Doch wer sollte hier eigentlich wen retten? Auf der Bühne wird nach dem Abendmahl das Timmy-Kalb ans Kreuz genagelt. Das Opfer ist vollbracht.
Bis zu dieser Szene könnte man meinen, dass es Regisseur Alexander Klessinger einzig um die satirische Hinterfragung der katholischen Symbolik geht, doch das ist nicht der Fall. Ihm geht es stattdessen um die Überhöhung der Timmy-Rettung und dessen Aufladung mit pseudoreligiösen Vergleichen, die überall in der Berichterstattung zu hören waren. So lässt er seine Auseinandersetzung mit diesem Thema zunächst in einem Gottesdienst, dann in einer Talkshow und in Szenen am Strand stattfinden, stets mit O-Tönen von selbsternannten Timmy Rettern unterlegt.
Plötzlich sind sie zu einer Gemeinschaft geworden, die sich für etwas engagieren kann, über alle sonstigen Unterschiede hinweg. Ob der Wal überhaupt gerettet werden kann, rückt dabei in den Hintergrund. Soll Timmy nicht vielleicht eher sie selbst erlösen? Von ihrer Ohnmacht, von ihrer Hilf- und Ziellosigkeit? Ist er ihr Erlöser, der zu einem Symbol aufgeladen wird, um endlich in einem Ziel der Fürsorge und der Liebe vereint zu sein? Nicht mehr in Grabenkämpfen zerstritten. Wir haben die Wahl, wir zusammen können etwas bewirken. So kann Selbstwirksamkeit aussehen. Genau das brauchen die Menschen in diesen Zeiten, die so unübersichtlich und hoffnungslos daherkommen.
Stellvertretend für sie kommt eine beseelte Frau im Neoprenanzug auf die Bühne. Sie ist ganz begeistert von ihrem Einsatz. Sie sei unter Lebensgefahr ganz nah an Timmy herangeschwommen und habe Botschaften erhalten. Sie hebt zu einer Rede an das Volk an, die immer radikaler wird und aufrührerischer wird. Hinter ihr wird derweil eine Deutschlandfahne in die Höhe gezogen. So schnell kann Tierliebe in Verschwörungsgehabe münden. Auch die Enttäuschung über den zuständigen Ministerpräsidenten Till Backhaus kippt schnell in ein Wir und Die. Die da oben sind daran schuld, wenn Timmy sterben muss. Die Frage, warum uns die Fische, die zu Fischstäbchen verarbeitet werden, egal sind und gerade dieser große Fisch uns rührt und sogar zu einer Erlöserfigur stilisiert wird, könnte man stellen. Aber die politische Instrumentalisierung und die parareligiöse Überhöhung übertünchen alle anderen, auch drängenderen Probleme.
Diese provozierende, witzige und kluge Theaterarbeit von Klessinger bringt völlig neue Zuschauende ins Ernst-Deutsch-Theater. Auch zur anschließenden Podiumsdiskussion mit wechselnden Expert:innen zu den angesprochenen Themen bleiben die Reihen fast vollständig gefüllt. Das belegt, wie Marco Damghani aus dem künstlerische EDT-Leitungsteam an diesem Abend als Moderator bemerkte, dass öffentliche, analoge und direkte Räume des Austausches dringend benötigt und gewünscht werden. Theater können auch dazu ihre Türen öffnen.
Birgit Schmalmack vom 22.9.26
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