Jedermann reloaded, Elphi
Jedermann Reloaded, Elphi
Fotos: Stephan Brückler
Der Tanz mit dem Tod
Selbst die Konfrontation mit dem Tod wird heutzutage zu einem Ego-Trip. Wenn Gott, Gewissen und Glaube abgedankt haben, muss der Mensch alles mit sich alleine ausmachen. So kommt Philipp Hochmair, der alle Rollen selbst spielt, für den Jedermann“ alleine auf die Bühne. Damit der Event-Charakter aber nicht zu kurz kommt, stehen die Musiker von Elektrohand Gottes an seiner Seite, die ihm dazu den güldenen Showauftritt verschaffen.
Zu Beginn kommt er amerikanisch siegesgewiss daher. In Armeeanzug und Cowboyhut. Da glaubt Jedermann noch daran, dass er mitten im prallen Leben stünde. Er jongliert mit seinen glitzernden Goldsäckeln und träumt von einem Elbgrundstück in Blankenese, dass er zum Lustgarten ausbauen möchte. Denn mit seiner Tour „Jedermann Reloaded“ war er gestern zu Gast in der bis unters Dach besetzten Elbphilharmonie. Vor all den festlich gewandeten Gästen bekommt sein Prahlen von seinem gut mit Kostbarem gefüllten Haus etwas süffisant Ironisches, das er aber mit seinem proletenhaften Neureichen-Getue geschickt konterkariert. Von Hamburger Understatement ist hier keine Spur. Wenn seine Bittsteller auftreten, weist er sie rüde ab. Das hätten sie sich vorher überlegen müssen, bevor sie sich Geld von ihm geliehen hätten. Nun sei ihnen der Schuldturm sicher.
Hochmair spielt alle Rollen dieses Stückes gleichzeitig. Dazu wechselt er von einem Mikro zum nächsten. Als Jedermann steht er aufrecht vor dem vorderen, als Bittende kniet er vor dem hinteren, das auf halber Höhe hängt. Wenn er zur Frau des Schuldners wird, zieht er sich seine Jacke über den Kopf. Wenn er gar zu seiner eigenen Mutter mutiert, ahmt er einen plappernden Jammerton nach, der als Loop ständig weiterläuft, während sie ihn an Gott, die Gebote und die abzulegende Rechenschaft für sein lasterhaftes Tun gemahnt. Doch Jedermann glaubt sich sicher. Der Tod sei für seine Mutter nah, doch für ihn weit entfernt. Er hüllt sich mit nacktem Oberkörper in Goldlametta und fühlt sich in seiner strotzenden Manneskraft, umhüllt von einem Geldpanzer gut geschützt vor allem Ungemach. Noch.
Dann säuselt eine zarte Stimme von den Rängen. Ein blondmähniges Vollweib tänzelt herein. Jedermanns Buhlschaft, für die er seinen Lustgarten plant, tritt zu ihm auf die Bühne. Elena Schwarz ist ein würdiges Gegenüber für den Kraftprotz Hochmair. Die beiden steigern sich zur Musik der Band zu einem Lustreigen, der zu einem Licht- und Klangspektakel wird. Doch dann: Ein weiterer Ruf „Jedermann!“ erschallt. Ein schwarzer Kapuzenmann nähert sich. Es ist der Tod, der unerwartet an seine Tür klopft und seinem egoistischen, prunkvollen, genusssüchtigen Leben ein Ende setzt. Was hat er ihm entgegen zu setzen? Eine Stunde Aufschub ist alles, was er für sich erstreiten kann. Doch sein inneres Zwiegespräch mit Gott, dem Glauben und seinen Werken bringt nichts zu seinen Gunsten Sprechendes zutage. So muss er sich vom Tod das Licht ausknipsen lassen. Die Ego-Show ist zu Ende. Eigentlich. Doch Hochmair lässt auch das nicht einfach mit sich machen. Er schnappt sich zwei Grabkerzen und wandert mit ihnen über die Reihen, Emporen und Etagen bis in den Bühnenhimmel hinein.
Hochmair spielt, redet, singt und tanzt um sein Leben. Er ringt mit dem Tod mit all seiner Kraft. Die klanggewaltige Elektro-Pop-Rock-Band an seiner Seite unterstützt, begleitet und treibt ihn dabei durch alle Stimmungslagen. Eine bezwingende Inszenierung des Hofmannthal-Textes, die leicht, verführerisch und unideologisch wie ein Konzert daherkommt und einen wie der Tod hinterrücks in seiner Eindeutigkeit und Klarheit überwältigt. Doch vielleicht weniger mit seiner ernüchternden Erkenntnis, dass alles endlich ist, als vielmehr mit der, dass auch der Tanz mit dem Tod zu einer glitzernden Show werden kann, wenn man sie nur so konsequent inszeniert wie Hochmair mit der Elektrohand Gottes. Jubelnde Standing Ovations in der Elbphilharmonie am Ende des Abends.
Birgit Schmalmack vom 22.10.26
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