To My Little Boy, Thalia
Autorin Caren Jeß hat für das Thalia Theater einen vor Sprachwitz funkelnden Text geschrieben. Er gibt Aaron Worte für seine grenzenlose Überforderung und zunehmende Verzweiflung, brillant formuliert, wortspielerisch, selbstironisch und humorvoll. Regisseurin Marie Bues lässt Torben Kessler sehr viel Raum, um den Text in allen Facetten zum Schillern zu bringen. Kessler zelebriert, animiert und tänzelt seine sprudelnden Gedanken auf der Bühne zwischen den wenigen Stoffgebilden, die sich heben und senken können. Mit seinen Gefährten Tupper und Anouk wird daraus eine lebenspralle Geschichte, die die heutige Verfasstheit vieler aufs Beste wiedergibt und dennoch eine Leichtigkeit versprüht, die angesichts seiner depressiven Hauptperson erstaunlich ist. (© Katrin Ribbe)

Die Möwe, DSH
Regisseurin Yana Ross schafft es, mit leichter Hand die Dramen dieser Familie offen zu legen. Doch bei all den persönlichen Tragödien, die sich hier abspielen, ist bei ihr der Humor nie weit entfernt. Viele Lacher sind während der zweieinhalb Stunden zu hören, doch werden die Figuren nie der Lächerlichkeit preisgegeben. Es ist eher ein erkennendes Lachen, eines über die Abgründigkeit und Vergeblichkeit des Lebens.(Foto: Lucie Jansch)

Gefährliche Liebschaften, Thalia
Wer hier genau wen zu manipulieren oder zu missbrauchen versucht, ist letztendlich gar nicht so wichtig. Jede/r kann in die überlegene oder unterlegende Position kommen, alles nur eine Frage des Timings, des Alters, der Stellung oder der Zeit. Dadurch wird das Machtspiel einerseits zu etwas fast Beliebigen und andererseits umso gefährlicher. Keiner kann sich sicher sein, dass er oder sie nicht auch demnächst am Boden liegt. Alle spüren stets auch im momentanen, vermeintlichen Sieg schon die kommende Niederlage. Ein interessantes Experiment. Ob es gelingt, hängt allerdings auch stark von der Energie des jeweiligen Aufführungsabends ab. (Foto Krafft Angerer)

Hope, Thalia Theater
Der Abend verzichtet auf einen stringenten roten Gedanken- oder Handlungsfaden. Die Wirrnisse der heutigen Zeit finden ihr passendes Abbild in der Vielgesichtigkeit der Probleme auf der Bühne. Doch wie soll so die „Hoffnung, dieses Ding mit Federn“ (Emily Dickinson) heutzutage noch zu bewahren sein? Vielleicht einfach dranbleiben, weitermachen und die Hoffnung als Muskel ansehen, den man trainieren muss? Mit dieser vagen Aussicht endet das Stück im Thalia Theater. Es ist ein spannender Abend geworden, der keine Minute Langeweile aufkommen lässt. Er scheut aber auch nicht vor gut klingenden Plattitüden und vor esoterisch anmutenden Lösungswegen zurück. Doch zwischendurch funkeln immer wieder Szenen von berührender Wahrhaftigkeit. Er ist eben wie ein Kaleidoskop, das kurze Schlaglichter auf unsere auseinanderdriftende Gesellschaft wirft, die ebenfalls wenig auslässt. (Foto: Kerstin Schomburg)

Nebenan, St. Pauli Theater
Waller hat es mit seinem bis in alle Nebenrollen hinein perfekt besetzten Ensemble verstanden, ihre Charaktere psychologisch bis in die kleinste Nuance hinein zu erarbeiten. Oliver Mommsen gibt den sympathisch auftretenden und dennoch unverhohlen arroganten Erfolgswessi mit jeder Faser seines Körpers. Stephan Grossmann ist ein überragender Strippenzieher, der gerade aus seiner scheinbaren Naivität und Harmlosigkeit seine Stärke zieht. So unscheinbar er auch zunächst wirkt, so schlagkräftig zaubert er nach und nach seine Beweise aus seiner abgeranzten Aktentasche. Über den Hinterhof musste er allzu lange dem selbstgewissen Treiben des Filmstars zuhören und zusehen. Wohlwissend, dass dieser erfolgsverwöhnte Typ nie in seinem Leben auch nur einen Gedanken daran verschwendet hatte, wen er aus seiner ausgebauten Maisonette-Wohnung vertrieben hatte. (© Kerstin Schomburg)

Bodies under water, Malersaal
Der Abend von Annalisa Engheben verzichtet bewusst auf große Theatermittel. Er setzt ganz auf seine beiden Performerinnen, die aus ihren unterschiedlichen kulturellen Hintergründen sehr persönliche Geschichten auf der Bühne erzählen. Die Beiden schaffen es spielend, jede entstehende Stille mit ihrer Präsenz zu füllen. Nichts wirkt abgespult, sondern wie frisch ersonnen. In den ganz ruhigen Momenten, in denen die Beiden sich nur der Kommunikation mit dem imaginierten Wasser, das einzig aus Nebel und Licht entsteht, hingeben, meint man das Rauschen förmlich zu hören. Regisseurin Engheben traut sich mit dieser zweiten Arbeit am Schauspielhaus, sich ganz auf den Moment zu verlassen. Das erfordert Mut, Vertrauen und eine Verbundenheit, die genau die thematische Grundlage dieses Experiments ist. (Foto: Maris Eufinger)

De Schimmelrieder, OHNSORG
Im Ohnsorg Studio lässt Regisseur Ingo Putz mit seinem Dreier-Cast ein hochspannendes Kammerspiel über Fortschritt, Innovation und Ideale im Widerstreit mit Gewohntem, Aberglauben und kleinstem Raum entstehen. Das glückt auch durch das geniale Bühnenbild von Yvonne Marcour, das die Präsenz des Wassers als widerständiges und lebensfeindliches Element jederzeit sichtbar und fühlbar macht. Wenn die Schauspieler:innen im Laufe des Abends immer triefender werden, wenn sie sich mit nasser Kleidung, vollgesogenen Sandsäcken und Schuhen versuchen, den Kopf über Wasser zu halten, ist das auf der Bildebene so einfach wie überzeugend. (Foto: Sinje Hasheider)

Titanic, Theater Das Zimmer
Auch die letzte Szene findet auf das Parkett des kleinsten Theaters in Hamburg: Doch hier liegt Rose nicht auf einem Türblatt, sondern oben auf dem Klavier und Jack hält ihr kniend die Hand. So lange, bis er versinkt. Kurz ein rührender Moment. Doch halt, schließlich ist dies heute eine Komödie und so stimmen alle zusammen in den berühmten Titanic-Song ein. Aber erst nachdem sie die schnulzige deutsche Version von Vicky Leandros über sich ergehen lassen mussten. Erleichtert geben sich alle zusammen den Erinnerungen an die Geschichte "Schöne Menschen spielen große Gefühle", wie der Untertitel es versprach, hin. Einhellige Meinung im Publikum: Äußerst gelungen, super gespielt, mit einem Wort: hervorragend.

Der Talisman, Thalia
Kraft zieht auf diese Weise geschickt die Schraube der Komödie noch ein bisschen fester an. Das ist sicher ganz im Sinne des Autors Nestroy, der sich in seinen Stücken gerne in der Art des schenkelklopfenden Volkstheaters über die Vordergründigkeit der wienerischen Gesellschaft lustig machte und sie zu entlarven versuchte. Kraft überträgt dies sehr klug in eine Comicwelt, in der er das Stück in all seiner Komik abspulen lässt, aber mit einer eingezogenen Metaebene gleichzeitig als Spiel zeigt und hinterfragt. Das ist eine Arbeit, die nicht nur sichtbar dem Ensemble riesigen Spaß bringt, sondern auch dem Publikum. (Foto: Krafft Angerer)