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Futur tongueXXX, Kampnagel Auch ob darin schon ein Widerstand und Aufbegehren gegen den um sich greifenden Rechtsruck, der den Diskurs in den Gesellschaften nicht zuletzt durch die Besetzung der Medien beeinflussen will, zu verstehen wäre. Denn darauf wollte Nowak mit ihrem Stück hinweisen, das sie 2018 in Warschau entwickelte, zu einer Zeit, in der die PiS eine Kulturpolitik betrieb, die auf Nationalismus und Traditionalismus setzte. Sie stellte dagegen queere Lebens- und Liebesentwürfe in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. 2026 wirkt das in Deutschland nicht mehr so provozierend und widerständig. Oder vielleicht einfach: Noch nicht? War Polen Deutschland lediglich ein paar Jahre voraus? Könnten auch wir die Freiheit bald nur noch im Museum betrachten? Und wäre damit dieses Stück hochaktuell? So geriet man am Ende eines die Geduld besonders in der ersten Hälfte strapazierenden Stückes doch noch ins Nachdenken, allerdings wohl eher, wenn man die Gelegenheit zu einem anschließenden Publikumsgespräch mit Nowak nutzte.

Après moi, le Déluge, Kampnagel Übrig bleibt der Abgrund in seiner Mitte. Doch die Tanzenden lassen sich von ihm nicht kleinkriegen. Sie tanzen gegen die Bedrohung an. Kraftvoll zu dröhnender Heavy-Metal-Musik versuchen sie aus ihrer gemeinsamen Bewegung eine Energie zu ziehen, mit der sie zeigen können: Sie sind stärker als das Grauen. Damit könnte das Stück enden, doch das tut es nicht. Nachdem die Performer in ihren knappen Outfits hinter der Bühne verschwunden sind, kommen sie einzeln wenig später seltsam verformt wieder heraus: Zwei mit einem langen Schwanz, zwei mit einem dicken Elefantenfuß und drei mit Glatzen, die sich wie Gottesanbeterinnen bewegen.

Keeping Score, Kampnagel Jonas‘ beeindruckendes Stück kann die Zuschauenden nicht kalt lassen. Es reißt in den Strudel der existenziellen Bedrohung hinein. Obwohl die Thematik der drei Teile unterschiedlich ist, verändert sich die einzigartige Tanzsprache des Ensembles nicht im selben Maße. Zu sehr steckt die Erfahrung dieser überstandenen Bedrohung noch in den Knochen aller Beteiligten. Doch zum Schluss erkennt Jonas aus dem Off: „In der Verwirrung, im Nicht-Wissen liegt die Freiheit. So schließt dieser Abend: „Für heute erstmal Gute Nacht. Bis morgen die Sonne wieder aufgeht.“

(NOT A) COMMON GROUND Die Mitwirkenden aus dem Täterland versuchen die geschichtlichen Hintergründe aufzuzeigen. Sie bedienen sich dazu der geschichtlichen Zeugnisse, des Ortes, der Rekonstruktion anhand von Fakten, während die Opfernachfahren ihre Gefühle, Forderungen, und Ansprüche deutlich machen. Diese beiden Annäherungsversuche ergänzen sich zwar, stehen aber eher nebeneinander, als dass sie direkt miteinander in Beziehung treten. Im anschließenden Publikumsgespräch wurde deutlich, dass die Künstler:innen aus Namibia und Südafrika zwar dem Projekt einen wohlmeinenden Anfang eines Prozesses attestieren, aber keinesfalls vollends zufrieden über die Verständigung und Würdigung ihrer Sichtweise nach Hause fahren. Sie wollen berechtigter Weise mehr: We want the bones back!

Honda Romance, Kampnagel Zum Schluss kommt das Team zum Stillstand, stellt sich direkt vor das Publikum und singt gemeinsam "Remember Hope". Wie passend für das Festivalmotto! Ein beeindruckender Abend, der durch seine Konsequenz nachhaltig fesselt. Er zeigt, wie schwankend unsere vermeintlich feste Basis sein kann, wenn sie Erschütterungen ausgesetzt ist. Wie schnell der Mensch aus dem Gleichgewicht geraten kann, wird hier eindrücklich demonstriert. Pons findet dafür Bilder, die man nicht so schnell vergisst. Das gilt besonders vor dem Hintergrund der allseits beobachtbaren politischen Entwicklungen, die Pons beiläufig und zugleich geschickt in den Blick nimmt. Eine intelligente, stringente Arbeit, die niemanden schont: Pons selbst nicht - und auch ihre Zuschauenden nicht.

Red, Kampnagel Denn eines wird in dieser gut 80minütigen Aufführung klar: Salamon hält den Kipppunkt unserer demokratischen Gesellschaften für greifbar nahe. Nicht zuletzt deswegen ist für sie die Auseinandersetzung mit der expressionistischen Tänzerin, Choreographin, Autorin und Allroundkünstlerin so wichtig. Dennoch gerät ihr Abend, der hier auf dem Sommerfestival seine Weltpremiere feierte, etwas zu plakativ in seinen Botschaften, die Salamon mit ungebrochenem Ernst dem Publikum immer wieder entgegenruft: „This is not a natural desaster“, wiederholt sie mehrmals. Zum Schluss ist sie in ihrem roten Kunstraum zum Teil ihres Gemäldes geworden. Sie selbst verschmilzt mit dem papiernen Hintergrund. Ihr Maleranzug, ihre Schuhe, ihre Haare und ihr Gesicht sind genauso rot wie ihre Umgebung. Salamon schont sich nicht, verlangt aber von den Zuschauenden auch, ebenfalls Teil dieses künstlerischen Prozesses mit ganz klarem Botschaftsimpetus zu werden. Dazu passt auch ihr Verhalten beim Applaus. Sie verbeugt sich nicht, nickt nur von Zeit zu Zeit dem Publikum fast huldvoll zu.

Erste letzte Sekunde – eine Gala, Kampnagel Am Schluss allerdings spürt man nochmal den Marthaler-Vibe at it's best. Als der Tänzer die Showtreppe plötzlich herunterstürzt und bewegungslos auf dem Boden liegen bleibt, spielen die Hamburger Symphoniker ein flirrendes Stück von Lutoslawski. Klänge fliegen über die Bühne, die sich nicht greifen lassen....Dann rappelt sich der Tänzer unvermutet in die Horizontale auf. Erst kerzengerade, doch dann mit einer merklichen Vorwärtsneigung gen Boden. Er zittert am ganzen Körper und minutenlang sieht es so aus, als würde er jeden Moment vornüber stürzen. Doch er schafft es tatsächlich sich mit letzter Kraft oben zu halten, jedenfalls solange, bis das Licht verlöscht. Von dieser behutsamen Atmosphäre der Verunsicherung, der Verschiebung, der Zartheit und des Inne- und Aushaltens hätte man sich noch mehr an diesem Abend gewünscht.

Trapicana, Kampnagel Sie machen sich unabhängig von der strengen Gruppenchoreographie des Gleichklangs und nehmen sich ihr individuelles Recht auf die eigene Interpretation heraus. In einer Szene treten sie in einem Dancebattle zu den Samba, Cha-Cha-Cha und Rumba Rhythmen, in die sich Trap-Beats mischen, ein. Dazu haben sie nach und nach die Glitzerhauben und die Highheels abgestreift. Nun wirkt der zuvor inszenierte Spaß wie tatsächlich empfundene Freude. Denn bei aller kritischen Betrachtung der Massenunterhaltungskultur macht diese Arbeit auch klar: Sie hat ihre Berechtigung, denn in ihr liegt auch eine echte Freude am gemeinsamen Tanzen verborgen - ganz ohne den Zwang durch das immer gleiche Abspulen einer konsumierbaren und skalierbaren Kulturware. Ihren ursprünglichen Freuden-Kern zeigte Tischkau und ihr Team in „Trapicana“ ebenso wie die gekünstelte Verfälschung durch seine Vermarktung. So gelingt ihnen eine nicht ungeschickte Mischung aus kritischer Betrachtung und mitreißender Tanzperformance. (© Fabian Hammerl)

Sugar Island, Kampnagel Überhaupt das Licht von Gilles Genter. Das spielt hier die zweite Hauptrolle. Es dient nicht der Darstellerin sondern wird selbst zu einem Protagonisten, der nach ganz eigenen unvorhersehbaren Regeln spielt. Ebenso eigenständig agiert die Musik von Oscar Bueno, die die Ballerina begleitet, anleitet oder kontrastiert. Motive aus Ballettmusiken mischen sich mit Elektrosounds, die zu einem unvorhersehbaren Mix zusammenfügt. Die Ballerina scheint austauschbar, denn eine zweite, die ihr Double sein könnte, arbeitet schon hinter den Kulissen. Zum Schluss bekommen beide Frauen den gleichen Blumenstrauß überreicht. Die Choreographie von Cuqui Jerez ist hintersinnig erarbeitet. Sie unterläuft sämtliche Erwartungen, so sehr, dass ein paar Zuschauende es vorzogen frühzeitig zu gehen. Doch es lohnt sich den Traum dieser Ballerina, der sich zeitweise zu einem roten Stakkato-Alptraum entwickelt bis zum Ende zu verfolgen. Erst aus der Rückschau wird die klug gebaute Dramaturgie richtig erkennbar. (Foto: Mila Ercoli)

Irresistible Revolution, Kampnagel Dass diese Tanz-Zusammenkunft auch durchaus politisch sein kann, zeigt die letzte Szene. Plötzlich finden sich alle Tanzenden am Rand der Bühne zusammen, eine klettert auf die Schultern der anderen und klopft in einem gemeinsamen Aufwallen gegen die Wand: Revolution! So kann aus dem gemeinsamen Feiern, Tanzen und Bewegen plötzlich eine Bewegung werden, die sich zu mehr in der Lage sieht. Dieser Gedanke kam der Choreographin durch adrienne maree browns Konzept des Pleasure Activism. Aktivismus darf und muss Spaß machen, denn erst aus der gemeinsamen Freude am Widerstand erwächst die Energie für diesen. Diese Eröffnung des diesjährigen Sommerfestivals war leicht, mitreißend und anregend zugleich. Und passt damit perfekt zu seinem Motto für 2026: Hope!

Bonnie 'Prince' Billy/ "LEVITATION" Wir sind wieder zusammen („We Are Together Again“), diesem Albumtitel wurde das Konzert von Bonnie 'Prince' Billy im Rahmen des Sommerfestivals in der St. Getrud Kirche auf jeden Fall gerecht. In der bis auf den allerletzten (Steh-)Platz gefüllten Kirche ergab sich am Montagabend ein intensives Gemeinschaftsgefühl, das Bonnie ‚Prince‘ Billy mit seinem Kammerensemble erzeugte. Sein wunderschön schwebender Gesang, der sich auch mal zu emotionalem Ausrufen steigern konnte, formte in der Zuhörerschaft ein fast meditatives Zusammengehörigkeitsgefühl, das wohl gerade in diesen Zeiten nicht nur in den USA dringend gebraucht wird. (Foto: Terry Way)

Triple Bill, Kampnagel Doch das dritte Stück A FOLIA von Marco da Silva Ferreira, das unter der neuen Leitung der Compagnie entstanden war, war der Höhepunkt dieser Schau ihres Könnens: Hier brodelte die Feier der Bewegung, die Freude an der Gemeinschaft und die Ekstase beim gemeinsamen Tanzen bis in die hintersten Reihen der prall gefüllten K6. Wie ein munteres Partyvölkchen, das sich in einen der Großstadt-Clubs aufmacht, strömen die Tänzer*innen herein. Alle in ihrem eigenen Tanzstil, der ihnen ihre Individualität gibt. Und dennoch werden sie irgendwie wie ein großer gemeinschaftlicher Körper aus vielen Einzelteilen zusammenschmelzen.

Beton, Tanztriennale Eine tolle Arbeit, die innovativ zwei Kunstformen miteinander verband und in Interaktion in einem nur den einen vertrauten Terrain zueinander treten ließ. Dem schweißtreibenden Tun der Mitwirkenden zuzusehen, war eine reine Freude und erlaubte in der gegenseitigen Anregung eine Bereicherung aller. Auch der nur Zuschauenden.

Fury, Kampnagel Das inklusive und altersgemischte Team von SKART & Masters of the Universe hat wieder einmal eine ganz eigene Welt auf der Bühne entstehen lassen. Es ist eine archaische, brutale und dennoch tröstliche Welt entstanden. Sie zeigt die ganze Bandbreite von menschlichem Verhalten. Wird es nützen, zu wissen, ob in dem Zankapfel vor dem sorgsamen Zerteilen schon ein Wurm vorhanden war? Oder dient dieses Wissen nur dazu, von den nicht veränderbaren Verhalten von Gemeinschaften abzulenken? Ist das ganze Gewese um Moral, Psychologie und Vernunft überflüssig, weil der Mensch doch bloß von seinen Bedürfnissen und Instinkten geleitet wird?

The Worldship, Kampnagel Der Choreographin Yolanda Morales gelingt es mit ihrem Team hervorragend, die Vielschichtigkeit und Abhängigkeiten auf diesem Weltschiff in allen Aspekten deutlich zu machen. Sie ließ sich inspirieren von Malcolm Ferdinands „Weltschiff“. Bei ihm ist es ein Bild für unsere Welt in der Krise – geprägt von einer kapitalistischen und technikorientierten Gesellschaft, die Natur zerstört und von Ungleichheit, Rassismus und patriarchalen Strukturen geprägt ist. Morales entwickelt dafür mit ihrem kreativen Team Tanzsprachen, die für jede Szene neue Ausdrucksweisen erfinden. So wird das Publikum von einer Atmosphäre in die nächste geworfen. (©Öncü Grant Gültekin)

Zurück zu Ali, Kampnagel Diesen Abend widmet Beyer ganz dem Mut und Widerstandskraft ihres Großvaters. Sie stellt ihre Kunst und Präsenz völlig in den Dienst seiner Vergangenheit. Jede Sentimentalität verbietet sie sich. Ihr Tonfall bleibt stets sachlich und distanziert berichtend. Nur in ihrem Tanz erlaubt sie sich den Ausdruck von Gefühlen, aber stets aus der Sicht ihres Opas. Sein Leben nach dem Krieg und damit auch ihre Beziehung zu ihm erwähnt sie nur an einer Stelle. Auf dem Lamellenvorhang erscheint dazu ein Foto, auf dem sie neben ihrem Opa in einem Strandkorb sitzt. Sie erinnert sich genau: Das war in dem Jahr, als die Katastrophe von Tschernobyl geschah, die für Ali sein Bild von dem überlegenen kommunistischen System in der Sowjetunion schmerzlich und nachhaltig in Frage stellte.

Krassfestival 2026, Kampnagel Die Autorin, Comedienne und Social-Media-Satirikerin Toxische Pommes schaut in ihrer theatralen Solo-Performance tief in die Seele von woken linken Millennials und offenbart pointensicher die Doppelbödigkeit ihrer sich moralisch überlegen gebenden Haltungen. Wie schnell diese ins Wanken geraten, wenn sich die Chance zum Klassenwechsel ergibt. Diese diskurserfahrene Generation findet ebenso mühelos Argumente für eine vegane Ernährung wie für die Legitimität von nicht selbst erarbeiteter Eigentumszuwächse.

Undertainment/LISA, Kampnagel Faszinierend entwickelt sich ein Sog, dem sich die Zuschauenden kaum entziehen können. Und das, obwohl auf der Bühne anscheinend so wenig Spektakuläres geschieht. Dennoch spürt das Publikum bis in die letzten Reihen der gefüllten K6, dass hier absolute Profis am Werk sind, die sich ganz in den Moment des Erschaffens, des Erspürens und des Miteinanders hineingeben. ©DominikMentzos

STRIPPING BOLERO, Kampnagel Es geht um Einfühlen, ums Beobachten, um Zuhören und Verstehen. Dafür sich Zeit zu nehmen und sich auf das jeweilige Tempo des Gegenübers einzulassen, bestimmte auch die Arbeitsweise des inklusiven Teams aus Blinden, Sehenden und Tauben. Um die Zugänge für alle gleichermaßen zu ermöglichen, unterschied sich nicht nur die Arbeitsweise, sondern auch das Ergebnis. Denn auf der Bühne mischen sich tänzerische Elemente, audiodeskriptive Beschreibungen, poetische Texte und ausdrucksvolle Gebärdensprache zu einem innovativen Ganzen, das über einen üblichen Tanzabend hinausgeht. (Foto: Julian Baumann)

The sun is burning, Kampnagel Die mexikanische Choreografin Yolanda Morales erzeugt hier mit ihrem exzellenten, ausdrucksstarken Performerteam eine obsessive, dystopische und orgiastische Atmosphäre, die ihre Geheimnisse bis zum Schluss nicht preisgibt. Ganz versteht man die Geschichten, die hier auf der Bühne erzählt werden, nicht. Eine Lücke zwischen dem kulturellen Wissen der Abya Yala, deren mythologische Erzählungen diesem Abend zugrunde lagen, und dem der Zuschauenden bleibt. Dennoch versteht man eines sofort: Wir leben in unsicheren Zeiten und wir arbeiten an unserem eigenen Ende. Eine Aufforderung zum Tanzen für die Zeit bis dahin scheint da eine gute Empfehlung. (Foto G2Baraniak)

It's a match, Kampnagel Große Gefühle? Wie können die entstehen? Durch die Geheimnisse, die unentdeckt bleiben? Oder durch die vertrauensvolle Offenheit, die durch langjährige Beziehungen möglich wird? Viele durchaus flüchtige Gedankenschnipsel gehen einem durch den Kopf, während man der Musik und den Texten lauscht. Sie fügen sich zu einem Mosaik, das kein schlüssiges Bild ergibt, sondern bewusst irritierende Fehlstellen zulässt.

Lenz, Kampnagel Die zwei kurzen eingespielten Textpassagen lassen ahnen, wer hier unterwegs ist und wonach sie suchen. Es handelt sich um den Schriftsteller Lenz, der hier im Gebirge herumirrt. Er versucht sich selbst zu finden und eine Kinderleiche wieder zum Leben zu erwecken. Vergeblich. Zum Schluss verpackt der eine Lenz den anderen Lenz in eine komplette Ritterrüstung. Nun ist er zwar fast bewegungsunfähig, aber zumindest vermeintlich geschützt. Alina Sobatta versucht in ihrer Abschlussarbeit die Erzählung „Lenz“ von Georg Büchner in eine performative Bewegungsarbeit ohne Worte zu übertragen. Sie hat den Mut, sich ganz vom Text zu lösen.

Holzfällen, Kampnagel Das fügt sich zu einem Gesamtwerk, das in seiner Aussage keine Fragen mehr offenlässt. So war die Reaktion des Hamburger Publikum in der vollgefüllten Kampnagelhalle beim Gastspiel im Rahmen des Hamburger Theaterfestivals einhellig begeistert. Zumal man sich hier in bequemer Sicherheit wiegen und belustigt die lächerlichen Verhältnisse im fernen Wiener Kunstbetrieb schmunzeln konnte. Ein ungetrübter Genuss also, den der Intendant des Festivals hier seinem distinguierten Publikum in Schmäh-freien Hamburg bescherte.

Wargames, Kampnagel Nie wieder, so heißt es gerne in Reden an Gedenktagen. „Nie wieder“, so steht es auch auf dem Rollrasen in der K1, aus dem hin und wieder Explosionen hochgehen. Und dennoch ist die Menschheit gefangen in einem Kreislauf der Gewalt und Gegengewalt. Warum Krieg als gesellschaftliches Muster so wirkmächtig ist, dieser Frage gehen Skart & the Masters of the Universe in ihrer neuen Arbeit War Games nach. Und zwar, wie der Name es schon verrät, auf spielerische Weise. In vielen einzelnen Bildern beleuchten sie die verschiedenen Seiten des Krieges zwischen „Reue, Vergessen, Macht und Exzess“. Dann beginnt der Kreislauf wieder von vorne.

ALIENATION III und La Vacabose, Kampnagel Maria Mercedes Flores Mujica erkundet in ihrer Arbeit die schwer zu bestimmenden Nahtstellen zwischen den verschiedenen Extremen. Den Feierexzess genauso wie die meditative Stille, den Rausch genauso wie das nachdenkliche Miteinander, das Menschsein genauso wie das Göttliche und das Tierische. Das verlangt den Zuschauenden viel Bereitschaft zum Einlassen und Einfühlen ab, doch wer sich in dieses Wechselbad der Gefühlszustände hineinfallen lassen mochte, bekam am Schluss eine Ahnung von dem Reichtum möglicher Erlebnisräume, die in westlichen Kulturräumen in externalisierte Randzonen verbannt worden und meist nur noch unter Zuhilfenahme von Drogen zu erreichen sind.

COMEDY RIOT IN SECOND HAND ENGLISH, Kampnagel Viel zu lachen gibt es zurzeit wahrhaftig nicht, daher sei es umso wichtiger, den Humor als Akt des Widerstands zu begreifen und zu feiern. Das erklärten Intendantin Amelie Deuflhard und Leiter Branko Šimic zur Eröffnung des diesjährigen Krass-Festivals, das sich 2025 um 13.Mal jährt. So stellten er und sein Team dieses Jahr eine geballte Ladung an Comidiennes auf die Bühne. Wenig verwunderlich kamen die meisten von Ihnen direkt aus Berlin, wo diese Art der humorvollen Kommentierung der deutschen Wirklichkeit von Neu-Berliner:innen in der Weltsprache Englisch überall in der Stadt zu erleben ist. Jetzt also kamen auch die noch etwas ungeübten Hamburger Germans in den Genuss dieses zum Teil etwas düsteren Humors in Second Hand English.

Gletschermumie, Liebe, Kampnagel Was uns heute an seiner Geschichte interessieren könnte, jenseits der wissenschaftlichen Forschungen seiner körperlichen Überreste, bleibt weiterhin ein Geheimnis, das auch dieser Theaterabend nicht lüften konnte. Stattdessen ist er eine Aufforderung an jede:n einzelne:n aus dem Publikum, die eigene Fantasie in Gang zu setzen, um seine Geschichte neu zu erzählen. Eine Variante haben sie heute gesehen. Sie zeugte von Experimentierlust, Spielfreude, Risikobereitschaft und Mut zur viel Selbstironie. Balzer setzt an jede Stelle der Inszenierung unübersehbare Fragezeichen. Keine ihrer Denk- und Spielanordnungen sind gesetzt, sie sind nur Angebote zum Weiterspinnen und -denken, die sich von überkommenen Regeln freizumachen versuchen. Darin liegt ihr Gewinn, aber auch ihr Risiko zu scheitern, wenn sie sich zu weit von der eigentlichen Grundannahme der Geschichte zu entfernen drohen. Das könnte, je nach Perspektive der Zuschauer:innen bei dieser Arbeit passiert sein.

Opera of Hope, Kampnagel So hat Preach keinesfalls eine klassische Oper in die K6 auf Kampnagel gebracht. Vielmehr ist es ein Mix aus Tanz, Schauspiel, Musik und Metatext geworden, der alle Ebenen ansprechen soll. Doch stets wenn die eingängige, harmonische Musik, die sich an Pop, Gospel und Soul bedient, zum Hineinfallen einladen könnte, bricht sie ab und die Wirklichkeit der Welt zwingt zum Nachdenken. Klischees und Vorurteile sollen das Miteinander nicht bestimmen, sondern die real erlebbare Individualität. So möchte Samba weder eine "Femme fatale" noch eine "Femme fragile" sein, sondern eine "Femme real".

Correctiv, Kampnagel Der Abend auf Kampnagel, den Correctiv mit Intendantin Amelie Deuflhardt zusammen auf die Beine stellt, soll daran erinnern, was es zu verteidigen gilt. Damit diese Demokratie auch mit Leben gefüllt wird, laden die Veranstalter nach dem Vortrag zu Gesprächen mit Getränken und Snacks an die langen Tische im Foyer ein. Wem die Lecture Performance von Peters noch nicht genügend Stoff dafür gegeben hat, bekommt durch drei Correctiv-Mitarbeiter:innen und ihre Impulsvorträge noch weitere Anregungen. Dass kurz zuvor in einigen Zeitungen kritische Berichte zu dem Jahrestag der Correctiv-Recherche erschienen waren, sorgt zusätzlich für Diskussionsbedarf. Welcher Mittel darf sich kritischer investigativer Journalismus bedienen, um für Hinterfragung und Aufdeckung zu sorgen? Auch das wird an den Tischen eifrig diskutiert.

Spiegelneuronen, Kampnagel Ein sehr klug gebauter Abend, der durchs praktische Erleben Erkenntnisse vermittelt, die ansonsten auf der theoretischen Ebene geblieben wären. Er spiegelt unsere Denk- und Verhaltensweisen auf geschickte, intelligente und unterhaltende Art wieder. Ein toller Abend, der den Erwartungen an Arbeiten von Rimini Protokoll und der Sasha Waltz Compagnie in jeder Hinsicht erfüllte. Dieses Mal sogar in Kombination. Wobei man anmerken muss, dass sich die Choreographie hier ganz in den Dienst der Sache stellte und vornehmlich dienende Funktion übernahm. (Foto: Bernd Uhlig)

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