CLOCKWORK ORANGE, EDT
Clockwork Orange, EDT
Gewalt als Ausweg
Ey, was ist denn jetzt angesagt? Keine Frage: Bei Alex und seinen Droogis ist nach dem Einwurf von einer Moloko-Milch mit berauschendem Zusatz immer Aktion angesagt. Sie finden den Kick in der Gewalt. Sie kanalisieren ihre jugendliche Energie im Fertigmachen von Menschen, die sie nichtsahnend in ihren gutbürgerlichen Häusern überfallen. Mal wird einer zusammengeschlagen, mal vergewaltigt, mal umgebracht.
Doch Alex liebt auch Beethoven und Bach. Seine Musik öffnet ihm für kurze Momente den Himmel. So ist auf der Bühne des EDT das Panorama der Laeiszhalle zu sehen, auf der sich bei jeder gewalttätigen Aktion blutrote Spritzer ausbreiten. Über ihren einheitlichen engen schwarzen Hosen zu schwarzem Unterhemd und derben Stiefeln hat nur Alex eine schicke Jacke übergezogen. Er bedient sich bürgerlichen Umgangsformen, um sie dann böse zu brechen.
Der Arm des Gesetzes bringt Alex zunächst in den Knast und dann in die Psychiatrie. An ihm soll eine neue Methode der Resozialisierung ausprobiert werden. Gewalt wird fortan bei ihm Übelkeit und Erbrechen auslösen. Ebenso klassische Musik. Deswegen ist nach der Pause das Ambiente der Musikhalle verschwunden. Nur noch die Leuchtstoffröhren, die die Orgel markiert haben, sind übriggeblieben. Mehr Maschine als Mensch wird er entlassen. Sein freier Wille zur moralischen Entscheidung ist ihm genommen. Er ist zum Roboter degradiert und für einen normalen Umgang mit seinen Mitmenschen erneut untauglich. Erst nach einem Kurieren von der Kur ist er wieder er selbst und kann seinen eigenen Weg frei wählen.
Das Ensemble deckt in stetigem Rollenwechsel alle übrigen Charaktere ab. Dazu stecken sie in glänzenden Ganzkörperanzügen, über die sie sich immer wieder andere Kleidungsstücke streifen. So erscheinen sie ein wenig wie aus einem Science Fiktion Film, in den sie sich verirrt haben. Wenn sie zu Gewaltopfern werden, bekommen sie Masken übergestülpt.
Regisseurin Franziska Autzen wollte das Thema der toxischen Männlichkeit bei ihrer Inszenierung des Stoffes von Anthony Burgess in den Mittelpunkt stellen. Das erscheint schlüssig, erweist sich aber in der Umsetzung als schwierig. Denn der Stoff lebt eigentlich davon, dass ein Verständnis für die noch jugendlichen Gang Mitglieder entstehen kann. Doch so sehr sich auch der tolle Sven Schelker müht, die Gefühle, Sehnsüchte und Beweggründe seines Alex deutlich zu machen, will sich kaum Empathie einstellen. Wenn die Frauen in diesem Stück jedes Mal, wenn ein Mann eine Lektion erteilt wird, die Faust in die Luft strecken und siegesgewiss mit einem Ruck nach unten ziehen, wird die Distanzierung von Beginn an so überdeutlich, dass wenig Identifikation mit den Menschen auf der Bühne möglich ist. So kann man einen eindrucksvollen Abend erleben, der voller herausragender Einzelleistungen ist, aber sich leider nicht ganz zu einem Ganzen fügen will.
Birgit Schmalmack vom 6.10.26
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