Trapicana, Kampnagel
Trapicana, Kampnagel
Foto: Fabian Hammerl
Die Falle
Ein Tänzer auf Highheels zu aufgeplusterter Hose und freiem Oberkörper schleift ein schlaffes, aufgeblasenes Etwas hinter sich her. Erst mit Hilfe der übrigen Tänzer:innen kann er es bewegen. So tragen sie es zusammen durch die Gegend, knicken seine Gelenke ab und richten es schließlich auf. Ein großes A bzw. ein Eingangsportal könnte es dann sein.
Gute Laune ist hier Programm. Ein strahlendes Lächeln ist auf ihren Gesichtern wie festgezurrt. Gute Laune, die dem Publikum direkt übermittelt werden soll. Denn der Blick ist stets direkt in den Zuschauerraum gerichtet. Die Tänzer:innen tragen grünblaue Puschelkostüme. Sie sehen aus wie eine Mischung aus Krümelmonstern, die ihr Fell als Bikini tragen, und einer Cheerleaderkombo, die ihre Puschel als Rock oder Hose angezogen haben. Als das Portal an der Decke aufgehängt ist, sind die Buchstaben, die es zieren, erkennbar: „Trapicana“. Die Tropicana-Show, die in Havanna für die Touristen gezeigt wird, ist eben auch ein „Trap“, eine Falle für die gutbetuchten Ausländer, die eine vermeintlich ursprüngliche Kultur vermittelt bekommen. Aber sie kann auch zu einem „Tripicana“ werden, denn es ist ein Trip in den Rausch einer Unterhaltungskultur, in die viel investiert wird.
Für deren Mechanismen interessiert sich das Team (Jeremy Nedd, Sophie Yukiko) um die Hamburger Choreographin Joana Tischkau, die zusammen mit der Malpaso Dance Company ihre Hinterfragung der Touristen-Show auf die Bühne brachte. Schon in der Eingangssequenz, die vorgeblich nur gute Laune ausstrahlt, sind die Glitches zu bemerken. Wenn die Bewegungen und die Minen für kurze Zeit einfrieren, wenn die Show sich für einen Moment in Slow Motion begibt, dann werden die Brüche angedeutet, die im Weiteren noch vertieft unter die Lupe genommen werden. Dann wird es für die Zuschauenden zunehmend etwas ungemütlicher. Auch jetzt werden sie direkt in den Blick genommen, doch mit versteinertem bis anklagendem Gesichtsausdruck. Ihre Lächel-Rollen haben sie abgelegt. Sie machen sich unabhängig von der strengen Gruppenchoreographie des Gleichklangs und nehmen sich ihr individuelles Recht auf die eigene Interpretation heraus. In einer Szene treten sie in einem Dancebattle zu den Samba, Cha-Cha-Cha und Rumba Rhythmen, in die sich Trap-Beats mischen, ein. Dazu haben sie nach und nach die Glitzerhauben und die Highheels abgestreift. Nun wirkt der zuvor inszenierte Spaß wie tatsächlich empfundene Freude. Denn bei aller kritischen Betrachtung der Massenunterhaltungskultur macht diese Arbeit auch klar: Sie hat ihre Berechtigung, denn in ihr liegt auch eine echte Freude am gemeinsamen Tanzen verborgen - ganz ohne den Zwang durch das immer gleiche Abspulen einer konsumierbaren und skalierbaren Kulturware. Ihren ursprünglichen Freuden-Kern zeigte Tischkau und ihr Team in „Trapicana“ ebenso wie die gekünstelte Verfälschung durch seine Vermarktung. So gelingt ihnen eine nicht ungeschickte Mischung aus kritischer Betrachtung und mitreißender Tanzperformance.
Birgit Schmalmack vom 11.8.26
hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000
