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Genealogia in Situ, Wiese

Genealogia in Situ, Wiese

© Josué Loayza Velazco

Eine Vergangenheit, die dir nicht geschenkt wurde

Nach dem 28.3.1965 änderte sich für ein chilenisches Dorf alles. Nach einem Erdbeben begruben die nicht gesicherten Abraumraumhalden des Kupferbergwerks El Cobre alles unter sich. Die Häuser der umliegenden Lager, in denen die Arbeitenden mit ihren Familien wohnten, wurden unter dem giftigen Schutt verschüttet. Wenige überlebten. Einer schildert im Verlaufe des Abends „Genealogia in Situ“, wie er geborgen worden konnte, weil ein umgestürzter Balken, der direkt über ihm zum Liegen kam, ihn vor dem Ersticken bewahrte. Er selbst überlebte, doch in jeder Familie, die er kannte, gab es viele Opfer. Danach wurde das Dorfleben nie wieder wie zuvor.

Manche erinnern sich an schöne Zeiten. Die Arbeit für alle war gegeben, man kannte sich, man unterstützte sich und man hielt zusammen, auch in den Gewerkschaftsversammlungen. So findet sich das Publikum im Wiese-Saal zunächst in einer Gewerkschaftsversammlung wieder. Man will für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen und stimmt zusammen kämpferische Lieder an. Das unwirtliche Land wurde urbar für den Kupferabbau gemacht. Die Unterordnung der Arbeitenden unter die Interessen der kolonialen Unternehmer war Programm. Ihre Bedürfnisse hatten sich einzupassen. Doch zusammen wollten sie ihre berechtigten Interessen durchsetzen. Das Unglück machte dieses Ansinnen dem Erdboden gleich.

An diesen Abend von Quiltra Fina soll daran erinnert werden, was die Vergangenheit auch heute noch für Auswirkungen hat, gerade dann, wenn sie nicht aufgearbeitet worden ist. Denn bis heute fehlt ein Erinnerungsort für El Cobre. Das wollen die Performer (Analy Nágila, Paula Araya, Martin Muth und Morín González Mena) in Hamburg ändern. In ihrem immersiven Abend auf Spanisch und Deutsch setzen sie den Verstorbenen, den Überlebenden und ihren Angehörigen ein Denkmal. Doch es ist kein Abend der Trauer geworden, sondern einer der Gemeinschaft. Die kleinen Holzhäuschen, die zuvor unter braunen Stofftüchern als Sinnbild für den hereinstürzenden Schutt begraben wurden, werden nun zu Erinnerungsorten für die Toten. Mit Blumen, Kerzen und Erinnerungsgegenständen werden sie von den Zuschauenden geschmückt. Zusammen wird ein Lied angestimmt, das den Abend ausklingen lässt.

So kann Erinnerungsarbeit aussehen, die nach vorne blickt, weil sie nicht anklagt, sondern gestaltet. Das Performerteam unter der Leitung von Morín González Mena und der Regie von Emilie Girardin sparte nichts an kritischen Aspekten aus, versuchte aber dennoch einen stimmungsvollen, harmonischen Abend der Gemeinsamkeit zu erschaffen, der nicht in Vorwürfen und Schuldzuweisungen steckenbleibt, sondern den Blick auf die Gestaltung der Zukunft schafft. Ein Abend mit Musik, Poesie, Erzählungen und Tanz, der ein Stück chilenischer Geschichte zeigte, von der in Hamburg wohl kaum jemand gehört hatte. Außer vielleicht innerhalb der spanisch sprechenden Community, die zu dieser Gelegenheit zahlreich in der Wiese vertreten war.

Birgit Schmalmack vom 5.7.26

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