Körber Junge Regie 2026
Körber Studio Junge Regie
Foto:Krafft-Angerer
postharam, Körber Junge Regie
Fotos: Richard Stoehr
Gegenwehr
Was kann uns gegen den nahen Untergang der Welt schützen? Der Rückzug ins Private! Einzig in der Ehe begehren die drei Paare gegen die drohende Katastrophe auf. Ihre Hochzeit ist ihr Bunker. In dem selbst verfassten Stück "Keine Hoffnung Baby" erkundet Regisseur und Autor Jakob Leanda Wernisch vom Max Reinhardt Seminar mit seinem Ensemble die Seelenzustände angesichts der Krisen der Welt. Seine drei Paare charakterisiert er sehr unterschiedlich, nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich. Ihre Dialoge offenbaren ihre Erwartungen und Ängste. Ihre Hochzeitslocation erinnert an ein Flüchtlingszelt. Ihr Spiel changiert zwischen übertriebenem Klamauk und heiligem Ernst. Als eine vor einem Brandsturm geflohenen Frau dazu stößt, wird ihr Gefüge durchgerüttelt. Das ist gewitzt und bewusst unterhaltsam umgesetzt. Der Text enthält dabei mehr tiefgehende Gedanken als die Inszenierung, die so viel Oberfläche in kurzer Zeit anbietet, dass die psychologischen Analysen fast in den Hintergrund geraten.
Eine leise, anspielungsreiche und konzentrierte Arbeit lieferte Ruben Müller von der Otto Falckenberg Schule ab. In seinem dokumentarischen Theaterstück „Mitleidsprotokoll – every tear recorded“ berichtet er von den letzten Jahre Hervé Guiberts, der in den Achtzigern in Frankreich an Aids verstarb. Guiberts detailliertes textliches und filmisches Dokumentieren seiner fortschreitenden Krankheit mag auf den ersten Blick nicht politisch anmuten. Doch genau das ist es, denn zur damaligen Zeit war Aids noch ein Tabuthema. Dass Guibert sich traute, genau dieses Leiden öffentlich zu machen, war ein Akt der Gegenwehr. Dass man heute diese Geschichte ohne Happy End erzählen muss, ist für den Regisseur Müller klar. Weil es sie gibt und weil jemand sich an sie erinnern muss. Das steht auch als Motto über dem Abend auf dem Kronleuchter, in dem sich die ganze Geschichte spiegelt: „Jemand, das glaube ich, wird sich in der Zukunft erinnern.“
Ungeduldig warten die drei Frauen vor dem orangenen Vorhang. Nervös sind sie, unruhig laufen sie auf und ab. Doch sie warten vergeblich. Er, auf den sie hoffen, wird nicht kommen. Er, der Allmächtige, dessen Ankunft ihnen versprochen worden ist, bleibt aus.
Unter dem orangenen Zeltdach versammeln sich die Geschichten von Frauen, die erzählt werden müssen. Diese Dringlichkeit teilt sich dem Publikum von „postharam“ sofort mit. Die vier Frauen berichten von Unterdrückung, von Missbrauch und von Gewalt, die ihnen angetan worden ist. Alles im Namen der Religion. Denn sie stehen allein aufgrund ihres Geschlechtes unter dem Verdacht „haram“ zu sein. Deswegen gelten für sie besonders strenge Regeln, denen sie sich unterwerfen müssen. Oder nicht?
Als das jemenitische 10-jährige Mädchen verheiratet wird, verspricht ihr Ehemann dem Vater, sie in Ruhe zu lassen, bis sie alt genug ist. Doch das Mädchen wird gleich nach der Hochzeit vergewaltigt. Es wagt das Unmögliche: Es beantragt die Scheidung. Das Gericht gibt ihr Recht. Eine kurdische Frau berichtet von ihrer Beschneidung durch eine Rasiermesserfrau, die sie zu einer Aktivistin gegen diese Praxis hat werden lassen. Frauen aus Afghanistan erzählen von ihrem Alltag unter den Taliban, der sie einsperrt.
Jungregisseurin Niyousha Azari von der Theaterakademie der HfMT Hamburg wollte mit ihrem Stück erkunden, in wie weit es auch im Islam begründet liegt, dass die Unterdrückung der Frau praktiziert wird. Dieses Ansinnen wird aber in ihrer Inszenierung zu einer These. So kann die Freiheit der Frauen nur darin liegen, dass die Frauen sich zum Schluss entscheiden, keinen Gedanken mehr an einen möglichen Himmel zu verschwenden und sich stattdessen für die Hölle zu entscheiden. Sie stürmen zusammen durch die rote Tür und setzen sich in den Mietwagen und fahren los in ihre Freiheit. Standing Ovations des begeisterten Publikums zeigte, dass es dem Aufstand der Frauen Beifall zollen wollte. Ein wenig mehr Differenzierung in der Analyse der Gründe hätte das Gesprächsangebot des Stückes noch erhöhen können. So blieben es krasse Geschichten, die durchaus auch Gefahr liefen, gängige Klischees undifferenziert zu bedienen.
Birgit Schmalmack vom 5.6.26
hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000
