Richard III., Schauspielhaus
Richard III., Hamburger Theaterfestival
Thomas Rabsch
König Richard und die Frauen
In einer Welt, in der nur Männer das Sagen haben, sind die Frauen dem Tun dieser ausgeliefert. Sie werden von ihnen ausgewählt und von ihnen abhängig. Wenn diese fallen, leben sie weiter und sind schutzlos ihrem Schicksal ausgeliefert. Diese Miesere wird überdeutlich in dem Zugriff des Regisseurs Evgeny Titov am Düsseldorfer Schauspielhaus in seiner Interpretation von Richard III.
Er ist ein Outcast. Er hockt in der Ecke des schon bröckelnden Palastes. Mit seinem missratenen Äußeren von Geburt an, gehört er nicht zum erlauchten Kreise am Hofe. Auf Pony Heels ohne Absätze, mit einem Netzstrumpf über dem Gesicht und nur einer Strumpfhose bekleidet humpelt er über die Bühne. Zwar ist er auch von blaublütiger Abstammung, doch ohne Chance auf Karriere. So scheint es jedenfalls. Doch insgeheim schmiedet der Außenseiter schon seine Pläne zur Veränderung seines Schicksals. Bei André Kaczmarczyk ist "Richard III." weniger ein blutrünstiger Schlächter, der einen vermeintlichen Konkurrenten nach dem anderen aus dem Weg räumt, als vielmehr ein verschmitzter Spieler und geborener Manipulator. Er wickelt die Menschen um seinen Finger, entweder mit Verführungskunst, mit Wortgewandtheit, mit Druck oder eben mit Gewalt. Zu diesem letzten Mittel greift er ohne jeden Skrupel. Er fühlt sich im Recht, da er als Früh- und Missgeburt schon früh von seiner Mutter ausgestoßen worden ist. Das Recht auf den Thron steht ihm zwar theoretischer Weise zu, aber er weiß, dass ihm nicht nur seine beiden vor ihm geborenen Brüder den Weg zur Krone versperren. Er weiß, dass er der denkbar ungeeignetste Kandidat ist und genau deswegen reizt es ihn es trotzdem zu versuchen. Kann ein solcher Anwärter König werden? Und wenn ja, wodurch?
Auch wenn Kaczmarczyk als Richard mit seiner darstellerischen Leistung beeindruckt, konzentriert sich Titov in seiner Inszenierung auf die Richard umgebenden Frauen, ihre Stellung, ihre Reaktionen, ihre Haltungen und ihre Möglichkeiten. Alle weiteren männlichen Figuren des Originals wurden gestrichen. Die vermeintlichen weiblichen Opfer, die zunächst noch aus Selbstschutz gegeneinander agieren, finden am Ende zur weiblichen Solidarität und begehren gemeinsam auf. Sie werden von Objekten der Handelnden zu Subjekten des Geschehens. Das ist ein interessanter Zugriff auf den Shakespeare-Klassiker, der beim Hamburger Theaterfestival als Gastspiel vom Düsseldorfer Schauspielhaus zu sehen war. Dank des beeindruckenden Bühnenbildes mit einem Betonbunkerpalast, den einfallsreichen und aufwendigen Kostümen und nicht zuletzt dem psychologisch differenzierten Spiel der Darstellerinnen (Judith Rosmair, Friederike Wagner, Manuela Alphons, Claudia Hübbecker, Blanka Winkler, Pauline Kästner) wurde es zu einem Theaterabend, der verstehen ließ, warum Festivalleiter Nikolaus Besch ihn für das diesjährige Programm nach Hamburg ausgewählt hatte. Langanhaltender Applaus war ihm sicher.
Birgit Schmalmack vom 5.6.26
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