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Foxi, Jussuf, Edeltraud, DSH

Foxi, Jussuf, Edeltraud, Schauspielhaus

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Is ja so

Drei Menschen kommen hier zu Wort. Drei ganz normale Menschen. Sie werden hier zu Autor:innen des Theaterabends, den Markus John im Malersaal präsentiert. Es ist ein Abend voller Witz, Wärme und Wahrheit geworden. Foxi, der 59-jährige Taxifahrer, hat sein Leben voll ausgekostet. Er ist ein gestandener Kerl, der auch schon mal zwei Jahre auf „Kur“ war. „Kennt ihr, oder? Das 7-Sterne Hotel, also Knast.“ Auch er, der eigentlich immer gut drauf sei, habe da das Heulen gekriegt. Unter seiner harten Schale verberge sich innerlich eben doch ein weicher Kern, wie er zögerlich zugibt. Er, der als Koch, als Wirt und als Zuhälter gearbeitet hat, schwärmt von seinen guten Zeiten, in denen viel „Arschlecken“ angesagt war, was er durchaus als positives Kriterium versteht.

Ganz anders dagegen die feine Vorstandswitwe aus Hannover. Aus eigentlich kleinen Verhältnissen stammend heiratet sie einen vielversprechenden BWLer, der schnell Karriere macht und sie in gesellschaftliche Kreise befördert, mit denen sie zuvor nichts zu tun hatte. Sie gibt zu, dass sie die ganzen Annehmlichkeiten dieses Lebensstils durchaus zu genießen verstanden hätte, doch als sie ihr später wieder genommen wurden, wäre sie auch damit gut klargekommen. Sie begleitete ihren Mann 13 Jahre lang durch seine Parkinson-Krankheit und erlebte mit, wie er immer weniger wurde. Auch für sie selbst hatte „der da oben“ noch Nackenschläge parat. Doch sie besitze ein Überlebensgen, dass sie ihre Krebserkrankung überstehen ließ. Sie sei immer noch da und das begreife sie heute als tägliches Geschenk.

Der dritte Lebenserfahrene auf der Bühne, in dessen Haut John schlüpft, ist Jussuf, der mit vier Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam. Er lebt bis heute mit seiner Mutter zusammen, die für ihn alles ist. Auch wenn er seine Mutter über alles liebt und es als Ehre ansieht, sie mittlerweile pflegen zu dürfen, hat er einmal ihr gegenüber eine sehr klare Ansage machen müssen. Als er sich als schwul outete, stellte er sie vor die Wahl, das entweder zu akzeptieren oder ihn zum letzten Mal zu sehen. Er, der eigentlich Bauschlosser gelernt hat, arbeitet heute in einem Kunstmuseum. Dort lernte er in den Dialog mit den Kunstwerken zu treten und die äußeren Pigmente mit den inneren sprechen zu lassen. Er öffnet sich den Bildern und lernt aus ihnen die Künstler kennen. Er hat auch das letzte Wort dieses Abends. Angelehnt an ein Zitat von Picasso („Wenn ich wüsste, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten.“) sagt er: „Also ist nicht nur Picasso der Erschaffer seiner Bilder, sondern auch immer ein wenig sein Betrachter.“

Das gilt auch für den herzenswarmen Abend von Markus John, dem Interviews zugrunde liegen, die er mit drei beliebigen Menschen führte. Erst durch die Schwingungen, die diese biographischen Erzählungen bei den Zuschauenden auslösen, entsteht ein Ganzes. John gelingt es wunderbar, mit wenigen Accessoires, einer Krawatte, ein Paar Perlenohrringen oder einer strähnigen Mähne zu der jeweiligen Person zu werden. Mal wird sein Kölsch unüberhörbar, mal die betont distinguierte und dennoch unaffektierte Sprechweise der Witwe präsent und mal die betont einfache Sprache des Museumswächters deutlich. Seine Haltung variiert scheinbar nur minimal und dennoch charakterisiert sie jede Rolle entscheidend. Er gestaltet sie mit Liebe und Respekt aus. Jede Lebensleistung, mag sie noch so unterschiedlich sein, steht im Mittelpunkt dieses Abends. Das Experiment, ob daraus ein Theaterabend werden kann, wie sich John zu Beginn fragte, darf als gelungen bezeichnet werden.

Birgit Schmalmack vom 12.05.26

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