Angela, Volksbühne
Der Eindruck, dass diese Geschichte also beileibe nicht nur in der Realität spielt, legt auch die Bühneninstallation nahe. Kennedy setzt ihre Darsteller:innen in eine Virtual-Reality-Umgebung, die immer wieder verschwimmt und vom Realistischen ins Magische hinübergleitet. Zuerst in einem Einzimmerapartment mit einer realistisch wirkenden Küchenzeile und einem klackernden Ventilator, verwischen später immer wieder die Konturen und wandeln sich mal in eine mit Graffiti besprühte Tunnellandschaft, mal in ein Feuermeer mit anschließendem Ascheregen, dann in eine phantastische Landschaft, die Hoffnung aussendet, und schließlich wieder zurück ins Apartment. Doch nie lässt Kennedy den Zuschauenden im Klaren darüber, auf welcher ihrer vielen Ebenen man sich gerade befindet. Die Trennung zwischen Realität und Fiktion ist nur eine gedachte Linie, sie existiert in dieser sogenannten Wirklichkeit nicht. (Foto: Julian Roeder)
Missy Macabre, Grüner Salon
Barfuß schlängelt sich Missy Macabre zwischen den Zuschauer:innen im prall gefüllten Grünen Salon hindurch auf die Bühne. Mit ihren bunt tätowierten Körper betritt sie zu dramatisch ankündigender Musik elegant das Podest. Doch dann ein lauter Knall: Mit einem Hammer schlägt sie mit voller Wucht auf den Boden. Er ist also echt. Genauso wie der Nagel, den sie sich daraufhin mit ihm in ein Nasenloch schlägt.

Warten auf Bardot, VB
Am besten ist es wohl, wenn man sich wie das geübte Volksbühnenpublikum völlig fallen, sich von den absurden Ein-und Ausfällen erheitern, jegliche Erwartungen auf ein Meta-Mehr fahren lässt und alles Weitere als Zugewinn verbucht, mit dem man nicht gerechnet hatte. Das Treiben auf der Bühne knüpft an frühere Volksbühnentraditionen an, die sich genügen, wenn sie selbst nur ausreichend Spaß auf der Bühne haben. Und das haben die Fünf eindeutig. So sind die gut gefüllten Reihen voller Begeisterung, Gelächter, Freude über ein Bubble-Gemeinschaftsgefühl, das man in der Vergangenheit wohl zu oft vermissen musste. Es gibt zumindest eine Ahnung davon, wie es sein könnte, wenn an der Volksbühne wieder schranken- und grenzenlose Kunst für die eigene Fanbase betrieben werden darf. (Foto © Philip Frowein)

Goodbye Berlin, VB
Macras einmalige Mischung aus mitreißendem Tanz, großen Showtreppeneinlagen, musicalreifen Songs, bunten Kostümierungen und berührenden Soloauftritten, entwirft auf der Bühne ein buntes Kaleidoskop. Die in ihrem Ensemble gelebte Diversität lädt alle ein. Das ist ihr Erfolgsrezept. Das Ergebnis ist mehr ein aufregender Mix als ein stringentes Thesenpapier. Doch das letzte Bild beweist wieder einmal ihr untrügliches Gespür für Timing und Stimmung. Das Ensemble hat sich gegenseitig schwarze Streifen auf die nackte Haut gezeichnet und gestript. Nun zucken sie wie eine Horde von Techno-Skelette während ihrer letzten Atemzüge vereinzelt vor sich hin. Eine noch durchsichtige Spiegelwand wird von der Decke herabgelassen. Langsam geht im Zuschauerraum das Licht an und plötzlich sehen wir uns dort, wo eben noch die Skelette waren. Auch wir zucken, denn die Beats haben die Spiegelwand in Schwingungen versetzt. Das ist ein gezielter Bruch, der das kurz zuvor noch in bester Musical-Manier zelebrierte „Staying Alive“ gekonnt in den Abgrund stürzen lässt.