Eines langen Tages Reise in die Nacht , DT
Auf einmal fiel es schwer, die innerliche Distanzierung aufrecht zu erhalten. Worüber könnte man sich nun noch erheben? Fast zwei Stunden hatte man vier Menschen zugeschaut, die so erfolglos wie verzweifelt ihr Leben versuchen zu meistern. Doch genauso hilflos scheinen wir auch im politischen Leben zu sein, unsere Probleme anzugehen. Zugegeben, dass ist ein etwas gewollter Bezug, den Nübling hier versucht herzustellen, aber dennoch kann man sich zum Schluss dieser ungewöhnlichen Inszenierung des Bühnen-Klassikers nicht dem übermächtigen Gefühl der Verzweiflung entziehen, die man zuvor nur auf die Familie Tyron projiziert hatte. Trinken wir nicht alle? Verdrängen und hoffen wir nicht alle? Dass es falscher Alarm ist, dass es schon nicht so schlimm kommen wird, wie Yishai in ihrem Text sagt? Und hängt das eine nicht mit dem anderen zusammen? (Foto: Thomas Aurin)

Leichter Gesang, DT
Ein toller Abend, der das Hingehen unbedingt lohnt. Er ist einladend, umarmend, überraschend erhellend und zum immer wieder zum laut Auflachen. Doch an höchst unterschiedlichen Stellen. Denn er ist keiner, der auf Gags abzielt, sondern die Absurditäten des Menschlichen so liebevoll zeigt, dass es eine Freude ist, dabei zuzusehen, wie das Produktionsteam sich auf dieses Experiment eingelassen und das Publikum dazu eingeladen hat. Wobei "Einladen", wie man erfährt, mit "Ein-Laden" zu tun hat, der ein "Geschäft" ist, zu dem, was "geschafft ist". Und das hat dieses kreative Team hervorragend geschafft. (Foto: Jasmin Schuller)

Die drei Leben der Hannah Arendt, DT
Am Schluss kommt ihre amerikanische Freundin Mary McCarthy zu Wort. Sie bescheinigt Hannah eine Bühnenqualität, die sonst nur wenige Intellektuelle gehabt hätten. Damit sei sie der Schauspielerei schon sehr nahegekommen. Sie sei nicht nur in verschiedene Rollen geschlüpft, sondern hätte auch den Show-Effekt, den gute Bühnenauftritte bräuchten, stets geliefert. Doch die allerletzten Worte gehören der so Beschriebenen selbst. Es sind die letzten Sätze aus dem Gaus-Interview, die filmisch festgehalten sind. Ein Agieren in der Welt sei nur im Vertrauen auf die Menschlichkeit möglich, die allen Menschen zu eigen wäre. Da spürt man unter den Zuschauenden in der Kammer des Deutschen Theaters ein raunendes Innehalten und anschließendes Verstehen, was diese Frau so besonders machte. Ihr unerschütterlicher Mut, ihr Festhalten am Hinterfragen und ihre Weigerung, ihren Glauben an die Radikalität des Guten zu verlieren. Denn das stellt dieser Abend auch klar: Das Böse sei nie radikal, sondern in dem Sinne banal, dass es oberflächlich und nie tiefsinnig sein könne.(Foto: Jasmin Schuller)