Wenn der Homo sapiens zu Humus wird





Die Rettung der Natur? Erst wenn der Homo sapiens wieder zu Humus wird. Das ist jedenfalls die Ansicht von Dona Harraway und steht am Ende von „Klima/Krise/Klitoris“. Zuvor durchlaufen die Performer:innen zusammen mit dem Publikum alle vier Stufen der Entwicklung jeden Lebens: Wachstum, Stagnation, Krise und Reorganisation. Die Bühnen-Halle der Gaußstraße ist dafür zu einer Kunstausstellung mutiert. Durch eine intelligente Lichtführung weiß die frei flotierende Masse der jeweils hundert Zuschauer:innen immer, wohin in diesem Moment ihre Aufmerksamkeit gelenkt werden soll. Ob auf die zwei Projektionsflächen der Videoarbeiten, ob auf die Fotoausstellungen rechts und links neben der beleuchteten Mittelfläche, auf die Plattform der Solo-Selbsterkundungs-Performance oder auf die Weichbodenbühne für die beiden Wrestling-Kämpferinnen. Die Wachstumsphase wurde unter anderem mit einem Bewässerungsritual in einem Gewächshaus und einem Bewertungsprozess von natürlich gewachsenen Karotten bebildert. Für die Stagnation symbolisierten die beiden Wrestlerinnen den ständigen Wettbewerb, der die Balance zwischen Gewalt und Fürsorge sorgsam austarierte. In eine reale Krise bekam das Publikum durch die Fotographien einer Ethnologin aus dem kolumbianischen Goldabbaugebiet, in dem die Natur durch die finanziellen Interessen des Rohstoffmarktes zunehmend zerstört wird. In einem etwas abstrakteren und dennoch sehr persönlichen Sinne erkundete den Krisenbegriff die performative Solochoreographie einer Tänzerin. Ihre zerhackten, verkrampften und in Wiederholungsschleifen gefangenen minimalistischen Bewegungen passen perfekt zu ihren wie improvisiert wirkenden Selbstbefragungen. In der letzten Videoarbeit tut eine weitere Performerin alles dafür, selbst wieder zur Natur zu werden. Sie steht wie ein Baumsetzling mit eingegrabenen Füßen zwischen ihren vermeintlichen Artgenossen im Wald, sie verschränkt sich mit dem Wurzelwerk eines umgestürzten Baumes und lässt sich zum Schluss langsam von Moos überwuchern, bis sie ganz verschwunden ist.

Die Arbeit des Kollektivs unter der Regie von Marie Baumgarten von der Ernst-Busch Hochschule zeugt von einem beeindruckenden künstlerischen Gestaltungswillen, der einhergeht mit einem beeindruckend tiefschürfenden multiprofessionellen Rechercheprozess. So verbindet sich in ihrer imponierenden Arbeit theoretischer Background mit künstlerischem Ideenreichtum. Die eingeblendeten, plakativ formulierten gesellschaftspolitischen Statements reichern sich mit der Rätselhaftigkeit der gewählten Bilder zu einer schönen uneindeutigen Mischung an, die viel Raum für die eigene Imagination lässt.

Birgit Schmalmack vom 9.6.22