Die Herausforderung des Ungebrochenen, MUT-Theater
Mit wenig Mitteln erschafft Autor, Regisseur und Bühnenbildner Mahmut Canbay in seinem MUT-Theater ein eindringliches Stück über den Mut, den es erfordert, in schwierigen Zeiten seinem Gewissen treu zu bleiben. Aus dem Ensemble ragt der Hauptdarsteller Emrah Demir heraus, dem es gelingt, seiner Widerstandskraft, Angst, Verzweiflung und Hoffnung glaubhaft Ausdruck zu verleihen. Auch wenn es ein Stück über den Widerstand gegen die Unterdrückung von Identitäten und Kulturen in autoritären Regimen ist, so verknüpft es Canbay am Schluss mit einem eindringlichen Appell an sein Publikum in Deutschland: Noch gebe es hier die Freiheit einer funktionierenden Demokratie. Man hätte diese Deutlichkeit nicht gebraucht, denn Canbays Text spricht auch ohne sie für sich selbst.

Foxi, Jussuf, Edeltraud, DSH
Das gilt auch für den herzenswarmen Abend von Markus John, dem Interviews zugrunde liegen, die er mit drei beliebigen Menschen führte. Erst durch die Schwingungen, die diese biographischen Erzählungen bei den Zuschauenden auslösen, entsteht ein Ganzes. John gelingt es wunderbar, mit wenigen Accessoires, einer Krawatte, ein Paar Perlenohrringen oder einer strähnigen Mähne zu der jeweiligen Person zu werden. Mal wird sein Kölsch unüberhörbar, mal die betont distinguierte und dennoch unaffektierte Sprechweise der Witwe präsent und mal die betont einfache Sprache des Museumswächters deutlich. Seine Haltung variiert scheinbar nur minimal und dennoch charakterisiert sie jede Rolle entscheidend.

Ein Abend mit Robert Seethaler, Thalia
Wie ein Kirchenfenster, so solle sein Buch „Die Straße“ im besten Falle sein. Wie ein Mosaik aus lauter Einzelfarben und -strukturen, durch die das Licht hindurchscheinen und neue Bilder erschaffen könne. Robert Seethaler lässt in seinem neusten Roman eine Straße sprechen, und zwar durch die Menschen, die sie bewohnen, in ihr arbeiten, durch sie hindurchgehen. Die drei Leseabschnitte, die er an diesem Abend im Thalia Theater vorträgt, werden zu Performances. Die Straße bekommt durch Seethalers Interpretationen eine Vielstimmigkeit, die er lebendig wird. Er ist ein perfekter Performer seiner eigenen Texte.

Spucken wir auf Hegel, Lichthof
Die intime Atmosphäre führte dazu, dass der Austausch über das Gesehene und Gehörte umso intensiver geführt wurde. Das lag auch zum großen Teil daran, dass Barletti und Waas die perfekten Gastgebenden in ihrer Denkwerkstatt sind. In jeder Pause gingen sie zu den kleinen Tischgruppen, an denen das Publikum saß, und wiesen auf eines der Bücher hin, die auf den Tischen verteilt waren. So viel mehr Denkanregungen hätte die in Deutschland immer noch wenig bekannte Feministin auch heute noch zu bieten gehabt. Ein einladender, anregender und überaus sympathischer Abend. So macht das Denken Spaß. Heute Abend gibt es noch eine Gelegenheit, ihn in Hamburg-Bahrenfeld im Lichthof um 20:15 Uhr zu erleben.

Vor dem Fall, Kammerspiele
Regisseur Martin Woelffer ist als Intendant der Komödie am Kurfürstendamm Komödien erprobt, daher inszeniert er den Stoff weniger mit der Absicht menschliche Tragödien zu erzählen als vielmehr die absurd-humorvollen Momente in den Vordergrund zu rücken. Dass der Titel des Stückes nicht nur metaphorisch gemeint ist, sondern sich am Schluss einer von ihnen tatsächlich vom Hochhausdach stürzen wird, schmälerte daher das Vergnügen des Premierenpublikums nicht. Immer wieder riefen sie das Ensemble mit ihrem begeisterten Applaus am Ende auf die Bühne. Wird auch im Programmheft vor der Thematisierung von Suizid im Stück gewarnt, so bestätigten sich Zuschauende beim Verlassen des Theaterraumes, das Stück sei sehr kurzweilig gewesen. Denn in der lärmenden Aufgekratzheit der Vier auf der Bühne konnte man die leisen beunruhigenden Stellen fast überhören. © Bo Lahola

Baracke, Thalia
Exemplarisch steht diese Familie im Mittelpunkt dieser Versuchsanordnung, um Goetz‘ These der Entstehung von Gewalt in der kleinsten Terrorzelle auf die Probe zu stellen. Denn er zieht nicht nur die Verbindungslinien von diesem privaten Unglück und der intimen Gewalt ganz allgemein zu gesellschaftlich-politischen Aggressionen, sondern direkt zu der Thüringer NSU-Terrorzelle, die deutschlandweit Morde an Migranten verübte. Dazu stellt Pucher die vermeintliche gute Kinderstube unter den Einfluss der immer präsenten Bildschirme, über die Ego-Shooter-Games und Nachrichtenbilder flirren. Es ist ein anstrengender, verstörender Abend, den Pucher dem Publikum zumutet. Er verweigert sich – Goetz folgend - einer stringenten Handlung, auch wenn er immer wieder Szenen einbaut, die den Rückzug in die private Familiengeschichte nahelegen. Doch sogleich in der nächsten durchbricht er diesen Ansatz wieder und macht klar, dass das Private höchst politisch ist. Die Duldung von Gewalt im Kleinen legt die Wurzeln für die Gewalt im Großen. © Katrin Ribbe

Hamlet, DSH
Besonders eindrucksvoll geraten diese, wenn sie sich unterhalb des Bunkers abspielen. Hier hat Denic einen weiß gekachelten Raum mit Pritschen, Tisch und Abhörgerätschaften für eine Totalüberwachung geschaffen. Ausgerechnet hier findet die einzige Liebesszene zwischen Hamlet und Ophelia (grandios: Lilith Stangenberg) statt. Auf einer der Pritsche fallen sie übereinander her. Angedeutete Zärtlichkeit driftet schnell in Gier und Gewalttätigkeit ab. In der bedrückenden Enge dieses Untergrundbunkers vor den aufgehängten Verhaltensinstruktionen im Falle einer atomaren Katastrophe braucht es keine Worte mehr, um die Botschaft zu verstehen. Und das gilt für viele Momente an diesem langen Abend. Im besten Fall sprechen die Bilder, die Castorf hier mit seinem Team einrichtet, für sich, denn oft werden wohl die einzelnen Texthappen an einem vorbeirauschen. Sie werden zu Teilen eines Wimmelbildes, in das man beliebig heraus- und hereinzoomen kann. Oder um im Bilde zu bleiben, aus dem man sich seine Häppchen im Laufe der Nacht herauspicken kann. (Foto:Just Loomis)

Der alte Mann und das Meer, Altonaer Theater
Die Umsetzung, die Regisseur Luca Zahn mit seinem Vater, dem Schauspieler Stefan Hallmayer, jetzt auf der Bühne des Altonaer Theaters zeigt, konzentriert sich ganz auf den Text von Ernest Hemingway. Inmitten von schwarzen Plastikplanen, die das Meer, den Wind, die Wellen und den Fisch darstellen können, steht ein hölzernes Bootskelett auf Rollen, in dem der alte Mann im Laufe seiner lebensgefährlichen Jagd über sein Tun und sein Leben nachdenkt. Je verzweifelter seine Lage wird, desto tiefschürfendere Fragen muss er sich stellen. „Es gibt niemanden, der es wert wäre, ihn zu essen, aufgrund seines Verhaltens und seiner großen Würde.“ Doch schließlich, er ist nur ein Fischer und das ist sein Beruf. „Ich weiß es nicht.“ Der Monolog von Hallmeyer zieht in seinen Bann. Das liegt nicht nur an seiner überzeugenden Darstellung des alten Mannes, sondern auch an dem immer noch beeindruckenden Text von Hemingway, der nichts von seiner Wirkungskraft verloren hat. In einfachen klaren Sätzen widmet er sich grundlegenden philosophischen Fragen des Menschseins, die berühren.

The Worldship, Kampnagel
Der Choreographin Yolanda Morales gelingt es mit ihrem Team hervorragend, die Vielschichtigkeit und Abhängigkeiten auf diesem Weltschiff in allen Aspekten deutlich zu machen. Sie ließ sich inspirieren von Malcolm Ferdinands „Weltschiff“. Bei ihm ist es ein Bild für unsere Welt in der Krise – geprägt von einer kapitalistischen und technikorientierten Gesellschaft, die Natur zerstört und von Ungleichheit, Rassismus und patriarchalen Strukturen geprägt ist. Morales entwickelt dafür mit ihrem kreativen Team Tanzsprachen, die für jede Szene neue Ausdrucksweisen erfinden. So wird das Publikum von einer Atmosphäre in die nächste geworfen. (©Öncü Grant Gültekin)

You came, you saw - Ein No Escape Room
So lässt die Regisseurin in dem clean weißen Setting eines Waschraums eine Fehleinschätzung der staatlichen Organe nach der anderen abspielen. Der Text kommt dazu aus dem Off, auf der gekachelten Bühne sind dagegen völlig überzeichnete, verkünstelte Figuren zu sehen, die nur in ihren vorgezeichneten Bahnen agieren, jeder Menschlichkeit enthoben. Den Opfern wird ihre Würde genommen, weil ihnen die Empathie versagt bleibt. Die Organe sind so überfordert, dass sie nur mit Regelbefolgung entlang ihrer antrainierten Vorurteilsmuster reagieren können. (Foto: Sebastian Hoppe)

Hundeherz, DSH
Es gibt so viel in so kurzer Taktung auf der Bühne zu sehen, dass es schwerfällt Schritt zu halten. Zumal alle Stränge jeweils vermeintliche Metaebenen im Gepäck haben. Denn der Stoff ist hoch aktuell. Genforschung in Verbindung mit KI und faschistoiden Ideologien ergibt eine toxische Mischung. Doch Bauer erlaubte sich eine naheliegende aktualisierende und stringente Umsetzung nicht, sondern suchte ihren Zugriff in der konsequenten Überzeichnung. (Foto: Thomas Aurin)
Deutschstunde, Ohnsorg
So ist Mayr am Ohnsorg Theater eine hervorragende Arbeit gelungen, die ohne das stimmige Bühnenbild von Anike Sedello und das tolle Ensemble nicht möglich gewesen wäre. Sie erlaubt auf der Ebene eines kleinen Dorfes ein Einfühlen in die Menschen und ihre Beweggründe. Sie zeigt die Entstehung von Traumata, die sich bis in die nächste Generation weitertragen. Ein absolut sehenswerter Abend im Ohnsorg Theater. Foto: Oliver Fantitsch)