
Der alte Mann und das Meer, Altonaer Theater
Die Umsetzung, die Regisseur Luca Zahn mit seinem Vater, dem Schauspieler Stefan Hallmayer, jetzt auf der Bühne des Altonaer Theaters zeigt, konzentriert sich ganz auf den Text von Ernest Hemingway. Inmitten von schwarzen Plastikplanen, die das Meer, den Wind, die Wellen und den Fisch darstellen können, steht ein hölzernes Bootskelett auf Rollen, in dem der alte Mann im Laufe seiner lebensgefährlichen Jagd über sein Tun und sein Leben nachdenkt. Je verzweifelter seine Lage wird, desto tiefschürfendere Fragen muss er sich stellen. „Es gibt niemanden, der es wert wäre, ihn zu essen, aufgrund seines Verhaltens und seiner großen Würde.“ Doch schließlich, er ist nur ein Fischer und das ist sein Beruf. „Ich weiß es nicht.“ Der Monolog von Hallmeyer zieht in seinen Bann. Das liegt nicht nur an seiner überzeugenden Darstellung des alten Mannes, sondern auch an dem immer noch beeindruckenden Text von Hemingway, der nichts von seiner Wirkungskraft verloren hat. In einfachen klaren Sätzen widmet er sich grundlegenden philosophischen Fragen des Menschseins, die berühren.

The Worldship, Kampnagel
Der Choreographin Yolanda Morales gelingt es mit ihrem Team hervorragend, die Vielschichtigkeit und Abhängigkeiten auf diesem Weltschiff in allen Aspekten deutlich zu machen. Sie ließ sich inspirieren von Malcolm Ferdinands „Weltschiff“. Bei ihm ist es ein Bild für unsere Welt in der Krise – geprägt von einer kapitalistischen und technikorientierten Gesellschaft, die Natur zerstört und von Ungleichheit, Rassismus und patriarchalen Strukturen geprägt ist. Morales entwickelt dafür mit ihrem kreativen Team Tanzsprachen, die für jede Szene neue Ausdrucksweisen erfinden. So wird das Publikum von einer Atmosphäre in die nächste geworfen. (©Öncü Grant Gültekin)

You came, you saw - Ein No Escape Room
So lässt die Regisseurin in dem clean weißen Setting eines Waschraums eine Fehleinschätzung der staatlichen Organe nach der anderen abspielen. Der Text kommt dazu aus dem Off, auf der gekachelten Bühne sind dagegen völlig überzeichnete, verkünstelte Figuren zu sehen, die nur in ihren vorgezeichneten Bahnen agieren, jeder Menschlichkeit enthoben. Den Opfern wird ihre Würde genommen, weil ihnen die Empathie versagt bleibt. Die Organe sind so überfordert, dass sie nur mit Regelbefolgung entlang ihrer antrainierten Vorurteilsmuster reagieren können. (Foto: Sebastian Hoppe)

Hundeherz, DSH
Es gibt so viel in so kurzer Taktung auf der Bühne zu sehen, dass es schwerfällt Schritt zu halten. Zumal alle Stränge jeweils vermeintliche Metaebenen im Gepäck haben. Denn der Stoff ist hoch aktuell. Genforschung in Verbindung mit KI und faschistoiden Ideologien ergibt eine toxische Mischung. Doch Bauer erlaubte sich eine naheliegende aktualisierende und stringente Umsetzung nicht, sondern suchte ihren Zugriff in der konsequenten Überzeichnung. (Foto: Thomas Aurin)
Deutschstunde, Ohnsorg
So ist Mayr am Ohnsorg Theater eine hervorragende Arbeit gelungen, die ohne das stimmige Bühnenbild von Anike Sedello und das tolle Ensemble nicht möglich gewesen wäre. Sie erlaubt auf der Ebene eines kleinen Dorfes ein Einfühlen in die Menschen und ihre Beweggründe. Sie zeigt die Entstehung von Traumata, die sich bis in die nächste Generation weitertragen. Ein absolut sehenswerter Abend im Ohnsorg Theater. Foto: Oliver Fantitsch)

Goodbye Berlin, VB
Macras einmalige Mischung aus mitreißendem Tanz, großen Showtreppeneinlagen, musicalreifen Songs, bunten Kostümierungen und berührenden Soloauftritten, entwirft auf der Bühne ein buntes Kaleidoskop. Die in ihrem Ensemble gelebte Diversität lädt alle ein. Das ist ihr Erfolgsrezept. Das Ergebnis ist mehr ein aufregender Mix als ein stringentes Thesenpapier. Doch das letzte Bild beweist wieder einmal ihr untrügliches Gespür für Timing und Stimmung. Das Ensemble hat sich gegenseitig schwarze Streifen auf die nackte Haut gezeichnet und gestript. Nun zucken sie wie eine Horde von Techno-Skelette während ihrer letzten Atemzüge vereinzelt vor sich hin. Eine noch durchsichtige Spiegelwand wird von der Decke herabgelassen. Langsam geht im Zuschauerraum das Licht an und plötzlich sehen wir uns dort, wo eben noch die Skelette waren. Auch wir zucken, denn die Beats haben die Spiegelwand in Schwingungen versetzt. Das ist ein gezielter Bruch, der das kurz zuvor noch in bester Musical-Manier zelebrierte „Staying Alive“ gekonnt in den Abgrund stürzen lässt.

Warten auf Bardot, VB
Am besten ist es wohl, wenn man sich wie das geübte Volksbühnenpublikum völlig fallen, sich von den absurden Ein-und Ausfällen erheitern, jegliche Erwartungen auf ein Meta-Mehr fahren lässt und alles Weitere als Zugewinn verbucht, mit dem man nicht gerechnet hatte. Das Treiben auf der Bühne knüpft an frühere Volksbühnentraditionen an, die sich genügen, wenn sie selbst nur ausreichend Spaß auf der Bühne haben. Und das haben die Fünf eindeutig. So sind die gut gefüllten Reihen voller Begeisterung, Gelächter, Freude über ein Bubble-Gemeinschaftsgefühl, das man in der Vergangenheit wohl zu oft vermissen musste. Es gibt zumindest eine Ahnung davon, wie es sein könnte, wenn an der Volksbühne wieder schranken- und grenzenlose Kunst für die eigene Fanbase betrieben werden darf. (Foto © Philip Frowein)

Die drei Leben der Hannah Arendt, DT
Am Schluss kommt ihre amerikanische Freundin Mary McCarthy zu Wort. Sie bescheinigt Hannah eine Bühnenqualität, die sonst nur wenige Intellektuelle gehabt hätten. Damit sei sie der Schauspielerei schon sehr nahegekommen. Sie sei nicht nur in verschiedene Rollen geschlüpft, sondern hätte auch den Show-Effekt, den gute Bühnenauftritte bräuchten, stets geliefert. Doch die allerletzten Worte gehören der so Beschriebenen selbst. Es sind die letzten Sätze aus dem Gaus-Interview, die filmisch festgehalten sind. Ein Agieren in der Welt sei nur im Vertrauen auf die Menschlichkeit möglich, die allen Menschen zu eigen wäre. Da spürt man unter den Zuschauenden in der Kammer des Deutschen Theaters ein raunendes Innehalten und anschließendes Verstehen, was diese Frau so besonders machte. Ihr unerschütterlicher Mut, ihr Festhalten am Hinterfragen und ihre Weigerung, ihren Glauben an die Radikalität des Guten zu verlieren. Denn das stellt dieser Abend auch klar: Das Böse sei nie radikal, sondern in dem Sinne banal, dass es oberflächlich und nie tiefsinnig sein könne.(Foto: Jasmin Schuller)

Make love not war, Gorki
Doch am stärksten sind die Momente, in denen Nahmias die Stimme vor Rührung bricht. Wenn sie merkt, dass ihre Gier nach Sex nicht nur mit ihrer Trennung, sondern auch mit der gegenwärtigen Situation in Israel-Palästina zu tun hat. Erfüllt sie eben eventuell nur den überall lesbaren Klo-Spruch "Fuck Israel!" ? Wohlmöglich nicht nur ihre große Leere wird dann so deutlich, dass sie sich die Tränen von der Wange wischen muss. So ist dieser zu Recht als Stand-Up-Comedy-Show deklarierte Abend zu gleichen Teilen oberflächlich und tiefgründig, Klischee behaftet und Klischees hinterfragend, feministisch und Männererwartungen bedienend. So ist für jeden und jede was dabei. Und keiner muss den Studiobühnenraum verlassen, so wie Nahmias es gleich zu Beginn angeboten hatte, falls jemand sich doch zu stark provoziert fühlen sollte.

Between the River and the Sea, Gorki
Der in Israel zum besten Schauspieler des Jahres gekürte Yussuf Sweid betreibt seine Identitätsanalyse ganz alleine auf der großen Bühne des Gorki. Nachdem die kleine Studiobühne bei seiner Show stets ausverkauft war, ist er nun auf die Große Bühne umgezogen. Auch hier sind die Reihen prall gefüllt. Mit viel Humor, Selbstironie und Herz erweiternder Ausstrahlung lässt er die Zuschauenden teilhaben an seinem Versuch für sich zu klären, wo und wie er sich zu Hause fühlen kann. So hat seine Scheidung sehr wohl etwas damit zu tun, was seit dem 7.10. passiert ist. Doch er hält an seiner Vision der Grenzen überwindenden Liebesbeziehung fest. Und fühlt sich bestätigt, als sein Sohn ihm von einer schulischen Schreibaufgabe berichtet. Seine Utopie von einem friedlichen Nahen Osten liest er zum Ende seiner Soloshow vor. Vielleicht kann eine junge Generation, die in einem internationalen Umfeld aufgewachsen ist, doch noch eine Idee vom Zusammenleben umsetzen, die älteren als völlig utopisch erscheint. (© Ute Langkafel MAIFOTO)

Leichter Gesang, DT
Ein toller Abend, der das Hingehen unbedingt lohnt. Er ist einladend, umarmend, überraschend erhellend und zum immer wieder zum laut Auflachen. Doch an höchst unterschiedlichen Stellen. Denn er ist keiner, der auf Gags abzielt, sondern die Absurditäten des Menschlichen so liebevoll zeigt, dass es eine Freude ist, dabei zuzusehen, wie das Produktionsteam sich auf dieses Experiment eingelassen und das Publikum dazu eingeladen hat. Wobei "Einladen", wie man erfährt, mit "Ein-Laden" zu tun hat, der ein "Geschäft" ist, zu dem, was "geschafft ist". Und das hat dieses kreative Team hervorragend geschafft. (Foto: Jasmin Schuller)