Bonnie 'Prince' Billy/ "LEVITATION"
Wir sind wieder zusammen („We Are Together Again“), diesem Albumtitel wurde das Konzert von Bonnie 'Prince' Billy im Rahmen des Sommerfestivals in der St. Getrud Kirche auf jeden Fall gerecht. In der bis auf den allerletzten (Steh-)Platz gefüllten Kirche ergab sich am Montagabend ein intensives Gemeinschaftsgefühl, das Bonnie ‚Prince‘ Billy mit seinem Kammerensemble erzeugte. Sein wunderschön schwebender Gesang, der sich auch mal zu emotionalem Ausrufen steigern konnte, formte in der Zuhörerschaft ein fast meditatives Zusammengehörigkeitsgefühl, das wohl gerade in diesen Zeiten nicht nur in den USA dringend gebraucht wird. (Foto: Terry Way)

Irresistible Revolution, Kampnagel
Dass diese Tanz-Zusammenkunft auch durchaus politisch sein kann, zeigt die letzte Szene. Plötzlich finden sich alle Tanzenden am Rand der Bühne zusammen, eine klettert auf die Schultern der anderen und klopft in einem gemeinsamen Aufwallen gegen die Wand: Revolution! So kann aus dem gemeinsamen Feiern, Tanzen und Bewegen plötzlich eine Bewegung werden, die sich zu mehr in der Lage sieht. Dieser Gedanke kam der Choreographin durch adrienne maree browns Konzept des Pleasure Activism. Aktivismus darf und muss Spaß machen, denn erst aus der gemeinsamen Freude am Widerstand erwächst die Energie für diesen. Diese Eröffnung des diesjährigen Sommerfestivals war leicht, mitreißend und anregend zugleich. Und passt damit perfekt zu seinem Motto für 2026: Hope!

Trapicana, Kampnagel
Sie machen sich unabhängig von der strengen Gruppenchoreographie des Gleichklangs und nehmen sich ihr individuelles Recht auf die eigene Interpretation heraus. In einer Szene treten sie in einem Dancebattle zu den Samba, Cha-Cha-Cha und Rumba Rhythmen, in die sich Trap-Beats mischen, ein. Dazu haben sie nach und nach die Glitzerhauben und die Highheels abgestreift. Nun wirkt der zuvor inszenierte Spaß wie tatsächlich empfundene Freude. Denn bei aller kritischen Betrachtung der Massenunterhaltungskultur macht diese Arbeit auch klar: Sie hat ihre Berechtigung, denn in ihr liegt auch eine echte Freude am gemeinsamen Tanzen verborgen - ganz ohne den Zwang durch das immer gleiche Abspulen einer konsumierbaren und skalierbaren Kulturware. Ihren ursprünglichen Freuden-Kern zeigte Tischkau und ihr Team in „Trapicana“ ebenso wie die gekünstelte Verfälschung durch seine Vermarktung. So gelingt ihnen eine nicht ungeschickte Mischung aus kritischer Betrachtung und mitreißender Tanzperformance. (© Fabian Hammerl)

Sugar Island, Kampnagel
Überhaupt das Licht von Gilles Genter. Das spielt hier die zweite Hauptrolle. Es dient nicht der Darstellerin sondern wird selbst zu einem Protagonisten, der nach ganz eigenen unvorhersehbaren Regeln spielt. Ebenso eigenständig agiert die Musik von Oscar Bueno, die die Ballerina begleitet, anleitet oder kontrastiert. Motive aus Ballettmusiken mischen sich mit Elektrosounds, die zu einem unvorhersehbaren Mix zusammenfügt. Die Ballerina scheint austauschbar, denn eine zweite, die ihr Double sein könnte, arbeitet schon hinter den Kulissen. Zum Schluss bekommen beide Frauen den gleichen Blumenstrauß überreicht. Die Choreographie von Cuqui Jerez ist hintersinnig erarbeitet. Sie unterläuft sämtliche Erwartungen, so sehr, dass ein paar Zuschauende es vorzogen frühzeitig zu gehen. Doch es lohnt sich den Traum dieser Ballerina, der sich zeitweise zu einem roten Stakkato-Alptraum entwickelt bis zum Ende zu verfolgen. Erst aus der Rückschau wird die klug gebaute Dramaturgie richtig erkennbar. (Foto: Mila Ercoli)

Wir sind am Leben, Theater des Westen
Denn Freiheit ist die schönste Stadt der Welt. Und sagt nicht der Mythos von Berlin, dass genau hier die Freiheit zu Hause ist? Zwischen all den Hochhausfassaden, den Abbruchhäusern und Straßenlaternen, die hier auf der Bühne herumwirbeln. So sind diese drei Stunden nicht nur pralle Unterhaltung, sondern halten auch etliche nachdenkliche stille Momente parat. Speziell in der zweiten Hälfte, in denen andere Musicals eher dramaturgisch aufdrehen und direkt auf das stets nötige Happy End zusteuern, erlauben sich die Macher hier, dass etliche reduzierte Bühnenmomente gerade in der zweiten Hälfte zu erleben sind. Natürlich aber nicht ohne dem begeisterten Publikum den allen Hoffnung machenden Song zum Schluss zum Mitsingen und Mittanzen anzubieten: „Wir sind am Leben!“ (Foto: Jörn Hartmann)

Swipe me if you can, Prime Time Theater
Auf jeden Fall haben die Zuschauer:innen im Wedding viel Freude an der äußerst liebevoll in Szene gesetzten Komödie, die ihre Hauptfigur in ihrer künstlerischen und privaten Selbstfindungskrise absolut ernst nimmt und ihr Humorpotential eher an die zahlreichen Nebenrollen auslagert, in denen die männlichen Darsteller in einem stetigen Rollenwechsel für den Spielwitz zuständig sind. So folgt man Lillys Ankommen und Zurechtfinden in Berlin mit viel Sympathie. Ein glaubwürdiger Abend, der aus dem Rahmen des üblichen Kracherhumors des kleine Privattheaters im Wedding herausfällt und es noch einmal von einer ernsteren, aber nicht weniger liebeswerten Seite kennenlernen lässt.

Der Sturm, Theater am Insulaner
Der einzige, der von diesem um sich greifenden Getue unbeeindruckt bleibt, ist Ariel. Er bleibt ganz bei sich. Der scheue Luftgeist mit den magischen Kräften bleibt alleine auf der Insel zurück. Er braucht keinen Prunk, keine Machtpositionen. „Liebst du mich?“, hatte er Prospero im Laufe des Abends einmal hoffnungsvoll gefragt. Der war ihm eine Antwort schuldig geblieben. Nun muss er erkennen, wie schnell dieser ihn abgelegt hat, nachdem er ihn nicht mehr braucht. Da steht er nun wankend mit seiner zarten, sich windenden Gestalt auf der leeren Bühne. Er sollte sich freuen. Seine lang ersehnte Freiheit ist da, doch wie soll er sie nun füllen?

Bazm (Repertoire), VASTA, Radialsystem
Eine Arbeit, auf die man sich einlassen muss. Jedoch gerade in der meditativen Wiederholung immer fast gleicher Bewegungen, die sich nur leicht verändern, kann die Arbeit einen Sog entfalten. Als der Perkussionist Aduni Guedes einfühlsam mit in die Performance einsteigt und mit seinen Trommeln den Live Soundtrack von Andrea Parolin unterstützt, wird dieser immer stärker, so dass man sich ihm zum Schluss kaum noch entziehen kann. Dennoch hofft man bis zum Verlöschen der Lichter, dass Lina Gómez ihr Gesicht von den Haaren befreit und gerade ins Publikum schauen mag. Doch diesen Befreiungsschlag gönnt sie weder sich selbst noch ihrem Publikum. Ob sie diesen Schritt nach dem letzten Ton wagen wird, bleibt genauso der Fantasie der Zuschauenden überlassen, wie Hakmi in Bazm die Aufnahme eines nun eventuell möglichen Tanzgesprächs seiner Kommunikationsforschenden nicht mehr auf der Bühne zeigt. Die jeweilige Weiterführung mag sich also nach dem Verlassen des Bühnenraumes in denjenigen Köpfen der Zuschauenden abspielen. Sie mögen entscheiden, für wie belastbar sie die jeweils gefundene Grundlage des Neuanfangs halten. (Foto: Mayra Wallraff)

If I was real, HALLE - cie. toula limnaios
Kurz vor Ende kommt ein Tänzer mit einem Hut, auf dem eine Kamera befestigt ist, auf die Bühne. Mit ihr kann er den Mann hinter dem Vorhang filmen und dessen Bewegungen auf den Vorhang projizieren, und zwar gleich in einer mehrfachen Vervielfältigung. Verwirrend auch dies. Wenn dann der filmende Tänzer seinen Blick an die Decke richtet, sieht die Kamera nur noch die Bühnenlichter. In rasender Geschwindigkeit dreht er sich wie ein Derwisch um sich selbst und die Lichterstreifen sausen wie er im Kreis herum. Dieser Lichterreigen beschließt diese beeindruckende Arbeit, die die Zuschauenden eine Vielfalt von Realitäten erleben ließ. Die Tanzsprache von Limnaios ist dabei so innovativ wie die technische Umsetzung. Dabei spielt die Musik von Ralf Ollertz eine wesentliche Rolle, denn sie unterlegt die Choreographien seiner Partnerin nicht nur mit einem unterstützenden Soundtrack, sondern ist stets eine eigenständige Komposition. So entstehen in der HALLE seit 30 Jahren Gesamtkunstwerke der besonderen Art, deren (Wieder-) Entdeckung sich immer noch lohnt.

Über die Schädlichkeit des Tabaks, Garntheater
So berühren diese beiden Monologe „Über die Schädlichkeit des Tabaks“ und „Schwanengesang“ von Tschechow, die Assor sich für seine neuste Inszenierung ausgesucht hat, ganz besonders. Hier sehen die Zuschauenden jemanden, der sich ganz der Sprache, den Texten und dem Theater verschrieben hat. Wenn nicht er, wer wüsste dann, wie es ist, seinen eigenen Theaterraum zu erschaffen. Alles hier im Keller am Victoriapark ist von ihm selbst gestaltet. Er ist Intendant, Regisseur, Bühnenbildner und Schauspieler in Personalunion. So erschafft er hier ein Theatererlebnisraum für alle diejenigen, die den Weg zu ihm in seinen Keller finden. Hier werden sie ein einzigartiges Kleinod der Theaterkunst finden, das jeden nachhaltig beeindruckt. Hier ist jemand, der seine Liebe zur Bühnenkunst mit einer solchen Unbedingtheit auslebt, dass diese Energie sich unmittelbar auf die Zuschauenden überträgt. So lohnt sich jeder Abstieg in die Kellergewölbe unbedingt, auch damit diese einzigartige Theateradresse weiterhin erhalten bleiben kann.

Urfaust, Globe
Die Inszenierung des Globe unter der Regie von Anselm Lipgens versucht den Spagat zwischen Unterhaltung und Ernst. Besonders am Schluss ist der Kontrast hart. Gerade hat der total verzweifelte Faust das dem Wahnsinn verfallene Gretchen in ihrer Gefängniszelle zurücklassen müssen, weil sie sich vor ihm graut, da fallen schon die Gaukler wieder ein und stimmen ihre letzte Moritat an. Aber so erreicht dieser Theaterabend, dass man trotz des tragischen Verlaufs der Geschichte das Openair-Theater in Charlottenburg beschwingt verlassen kann. Ob es diese krassen Brüche gebraucht hätte, ist Geschmackssache. Doch auch diejenigen, denen dieser Klamauk zu groß war, können sich von der ernsthaften Verzweiflung von Faust (Adrian Stowasser) und Gretchen (Lotte Gosch) berühren lassen. Stowasser spielt sehr glaubwürdig seine tiefen Gefühle für Gretchen und die Schuldgefühle, die ihn angesichts der fatalen Entwicklung seiner Eroberung bis ins Innerste plagen. Auch Gosch zeigt Gretchens Entwicklung vom naiven Mädchen zur gereiften Frau sehr überzeugend. Diese Arbeit nimmt eben die Unterhaltung genauso ernst wie den psychologischen Tiefgang von Fausts Erkenntnissuche.

Elefantin, Dock 11
Diese Arbeit ist so genau beobachtet, so präzise tänzerisch umgesetzt und so klug gebaut, dass man nur bewundern kann, was Williams alles zu dem schon viel betrachteten Barbie-Phänomen eingefallen ist. Sie hat noch einmal eine völlig neue Perspektive gefunden: Eine, die ganz vom Körperlichen der Puppe ausgeht und konsequent überlegt, welche Folgen das für das Bewusstsein dieses Wesens haben müsste. So ist ihr feministischer Ansatz kein vordergründiger, sondern einer, der von den Körperformen ausgeht. Er trifft damit genau ins Zentrum. Wenn Körperformen durch Rollenbilder so beeinflusst werden, dass die Freiräume bis hin zur Passivität eingeschränkt werden, kann der Befreiungsschlag nur durch die Hinterfragung derselben geschehen.
Shakespeareriment, Monbijoutheater
Dieses Stück ist natürlich die perfekte Ausgangslage für eine Adhoc-Inszenierung, die Impro-Einlagen aller Schauspielenden erforderlich macht. Die Kostüme sind aus dem Fundus. Als Waffen dienen wahlweise Peitschen oder Schwimmnudeln. Es wird keine Rolle eingespart, auch wenn einige nur einen kurzen Auftritt haben. Es geht um den Spaß an dem gemeinsamen einmaligen Erlebnis. Die Reaktion des Publikums ist Teil des Vergnügens. Doch während von diesem nur ein Einlassen auf den Moment gefordert ist, haben die Schauspielenden eine Menge zu leisten. Sie müssen sich ganz auf ihren Instinkt verlassen können.