Timmy, the Hope, EDT
Diese provozierende, witzige und kluge Theaterarbeit von Klessinger bringt völlig neue Zuschauende ins Ernst-Deutsch-Theater. Auch zur anschließenden Podiumsdiskussion mit wechselnden Expert:innen zu den angesprochenen Themen bleiben die Reihen fast vollständig gefüllt. Das belegt, wie Marco Damghani aus dem künstlerische EDT-Leitungsteam an diesem Abend als Moderator bemerkte, dass öffentliche, analoge und direkte Räume des Austausches dringend benötigt und gewünscht werden. Theater können auch dazu ihre Türen öffnen.

Sturmhöhe, Altonaer Theater
Herausragend ist die Leistung von Linda Stockfleth als Catherine, der mitunter ein Halbsatz, eine winzige Mimikänderung oder eine Drehung des Oberkörpers ausreicht, um einen neuerlichen Sinnungswandel verständlich zu machen. Diese beiden Hauptpersonen werden von dem dramatischen Karussell auf dieser Sturmhöhe herumgeschleudert, während die immer präsente Haushälterin (Antonia Leichtle) ihr wohltuend stabiles Zentrum bildet und auch den Zuschauenden einen Anker gibt. Dieken hat es geschafft, einen packenden Stoff mit schnellen Schnitten auf die Bühne zu bringen, der ganz auf der Höhe der Zeit ist. Seine Entstehung im 18. Jahrhundert merkt ihm so keiner mehr an. Langeweile kommt hier nicht auf, aber Anstrengungsbereitschaft sich auf die vielen Aspekte und rasanten Entwicklungen einzulassen, ist gefordert.

Deutsches Haus, Thalia
Dröse wirft die Zuschauer:innen von einer Stimmung in die nächste und verhindert so, dass ihre Inszenierung einen allzu moralischen Unterton bekommt. Dennoch überwiegt zum Schluss Evas Erkenntnis: Sie entscheidet sich für das Wissenwollen. Einfach ist dieser Weg nicht. In Warschau angekommen, bittet sie bei dem ehemaligen Lagerfriseur um eine Komplettrasur, wie einst die Häftlinge sie bekamen. Doch er verweigert ihr diesen Dienst. „Das steht Ihnen nicht“, hört sie zunächst. Als sie wieder draußen auf der Straße ist, bemerkt sie ihren Übersetzungsfehler: „Das steht Ihnen nicht zu“, hatte er gesagt. Diesen Trost sollen die Deutschen nicht bekommen. (© Kerstin Schomburg )

Auf Wunder ist Verlass, Kammerspiele
Ein Abend, der die Premierengäste sichtlich begeisterte, mitgerissen von dem sympathischen Ensemble auf der Bühne. Ein Abend, der unterhält und ganz nebenbei ein paar kleine Botschaften bereithält. Zum Glück nicht nur die, die das etwas plakative Motto zu Anfang andeutete. Er blickt nicht nur in die Vergangenheit, sondern weitet die Perspektive auch auf die Gegenwart. Kultur ist eben keine keine konservierte Leitkulturliste, sondern ein Prozess, der in der lebendigen, sich weiter entwickelnden, verändernden Gemeinschaft entsteht. Das durfte man in diesem Programm live miterleben.

The picture of Dorian Gray, English Theatre
Das Bühnenbild nutzt eine rollbare Treppe, die im selben viktorianischen Tapetenmuster verkleidet ist wie die Wände, um immer wieder neue Räume entstehen zu lassen. Zudem sorgen die Projektionen auf der Rückwand dafür, dass die Atmosphäre eines früheren Londons mit Pferdekutschen und Kopfsteinpflaster eingefangen wird. Dort sind auch die drastischen Veränderungen in Dorians Porträt in Übergröße zu verfolgen. Das Publikum feierte bei der Premiere besonders die schauspielerischen Leistungen und die Wandlungsfähigkeit des kleinen Ensembles, völlig zu Recht. Hier standen wie immer Vollprofis auf der Bühne, die ihr Handwerk verstehen.

Die Insurgentinnen, Sprechwerk
Das Stück, das die Intendantin Konstanze Ullmer ihrem Ensemble auf den Leib geschrieben hat, ist eine spritzige und provokante Komödie geworden. Auch wenn Ullmer immer wieder ernste Themen mit anklingen lässt – wie den Gender Pay Gap, die Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz, die nach wie vor nicht umgesetzte Gleichberechtigung bei den familiären Pflichten u.ä.- überwiegen die Anlässe zur Steigerung der Lacherquote. Der Abend erfreut mit gut gemachter, sprachwitziger Unterhaltung, die zudem ein paar Anlässe zum Nachdenken mit auf den Weg gibt. Das Publikum im voll besetzte Sprechwerk feierte das Stück mit begeistertem Applaus.