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St. Pauli Theater meets Elbphilharmonie

St. Pauli Theater meets Elbphilharmonie

Familientreffen an der Elbe



Der „kleine Kutter St. Pauli Theater“ hatte es wieder einmal bis in die Premiumlage an der Elbe geschafft, wie Intendant Ulrich Waller und Thomas Collien es zu Beginn ausdrückten. Das St. Pauli Theater war zu seiner Neujahrsgala in guter alter Tradition in die Elbphilharmonie geschippert und hatte für ihr beliebtes Neujahrskonzert "St. Pauli Theater meets Elbphilharmonie" so viele Gäste angelockt, dass die Ränge bis hoch unters Dach gefüllt waren.
Der aus der ZDF-Anstalt bekannte Urban Priol übernahm dieses Jahr die Moderation, das hieß: Er füllte die Pausen zwischen den Musikbeiträgen mit seinen bissigen, gewitzten Kabaretteinlagen. Als bayerischer Franke warf er mehr als einen kritischen Blick auf die CDU. So meinte er in Berlin den Spruch gehört zu haben: „Wie groß ist die Entfernung zwischen zwei Fettnäpfchen? Ein Merz.“ Da er für diesen Abend nach Hamburg anreisen musste, fragte er sich und die Google-KI, wie sicher ein Spaziergang zwischen Hauptbahnhof und der Elphi sei. Er bekam zur Antwort, er solle seine Töchter fragen. Also rief er in Vancouver an, wo seine Tochter gerade lebt, die er mitten aus dem Schlaf riss. Da helfe nur noch Musik.
Ein guter Bekannter des St. Pauli Theaters rauschte mit Grandezza auf die Bühne. Tim Fischer trat im bodenlangen nachtblauen Kleid zu blondem Pagenkopf als Hildegard Knef auf. Nach Klassikern wie „Eins und eins“ und „So oder so", schwebte die Diva Fischer zur „Letzten Zigarette“ über die Bühne.
Auch die nächste Musikerin, die Priol mit leicht abgeändertem Namen ankündigte, ist eine Ausnahmekünstlerin. Anna Depenbusch komponiert nicht nur ihre Songs selbst, singt und begleitet sich am Klavier, sondern arrangiert sie auch in Eigenregie. Dass sie aber sogar alleine mit ihrer Stimme die riesige Konzerthalle füllen kann, bewies sie mit dem Lied „Alles wird gold“, denn in ihm benutzt sie das Piano zu Beginn nur als Schlagwerkzeug. Mit einem ganz frühen Zeugnis ihres Schaffens offenbarte sie zum Schluss ihre zwiespältigen Gedanken zum Thema „Heimat“.Mit Gustav Peter Wöhler stand danach ein Mime und Sänger auf der 360 Grad-Bühne, der dem St.Pauli Theater schon lange verbunden ist. Variantenreich und knuffig wie immer steppte er zu „Walking in Memphis“ über die Bühne und gab mit dem Border-Song von Elton Song dem Wunsch nach Frieden Ausdruck.
Ein ganz besonderes Ensemble war nach der Pause zu Gast in der Elphi: Die Musikerinnen von „Salut Salon“ in ihren figurbetonten Kleidern in Buntstiftfarben übernahmen die Bühne. Mit ihrem begeisternden Mix aus argentinischem Tango, finnischer Polka und armenischem Wiegenlied legten sie eine fulminante Bühnenshow hin, die Lust auf einen ganzen Abend mit den vier Ausnahmekünstlerinnen machte.Prior vertreib die Zeit bis zum nächsten musikalischen Auftritt wieder mit seinen hintergründigen Witzen. So rief er die Politiker zur Gelassenheit auf. Was bliebe denn selbst von den Berühmten unter ihnen? Von Bismarck nur noch der Hering, von Willy Brandt ein Zwieback und Söder könne man bei Ikea als Armleuchter erstehen. Auch sehe Prior noch keine verarmten Massen in Deutschland, die den letzten Cent umdrehen müssten. Schließlich sei auch dieses Jahr wieder ein Besucherrekord auf dem Oktoberfest vermeldet worden, obwohl dort das Maß Bier mittlerweile über 16 Euro kostet.
Der nächste Höhepunkt war einer, der bei keiner Gala fehlen darf: Katie Freudenschuss erschuf mit Hilfe des Publikums eine Hamburg-Hymne. Dazu ließ sich die souveräne Künstlerin vier Notizzettel voll mit Hamburg spezifischen Begriffen zurufen und anschließend sieben Songmelodien. Nachdem sie alle Zutaten auf dem Klavier in Sichthöhe ausgelegt hatte, ging es los. Wie sie nun aus „Franzbrötchen“, „St. Pauli“, „HSV“, „Hundehaufen“ und „Schnee Räumen“ spontan ein Medley aus „New York, New York“ „Ein Bier auf Hawaii“ und „Wunder gibt es immer wieder“ arrangierte, konnte nur begeistern. Wie man aus so einem mageren Material in Sekundenschnelle so etwas Tolles herbeizaubern kann, begeistert immer wieder.
Wer konnte jetzt noch kommen? Na klar, die bewährte „Soulröhre“: Stefan Gwildis. Er erfüllte wie immer mit seiner Soulstimme die Erwartungen und rief mit „Gestern war gestern“ zum Blick in die Zukunft und mit „Wir wollens bunt“ zur Vielfalt auf. So kann ein neues Jahr starten. Beglückt verließen die Zuschauer:innen nach drei Stunden toller Unterhaltung die Elphi. Der kleine Kutter hatte sie wieder einmal gerockt.

Birgit Schmalmack vom 4.1.26

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