Nebenan, St. Pauli Theater
Nebenan, St. Pauli Theater
© Kerstin Schomburg
Ost-West-Psychogramm in der Eckkneipe
Mit Rollkoffer, schick-lässigem Anzug und Sonnenbrille rollt der Schauspieler Oliver in die Eckkneipe herein. Vor seinem Abflug zu einem Londoner Casting will er auf einen Sprung einkehren und einen Kaffee trinken. Doch dann entwickelt sich sein Vormittag ganz anders, als er sich ihn vorgestellt hat. Zwar schafft er es, mit etlichen geschickten, auf Englisch geführten Telefonaten ein paar Infos über das streng gehütete Geheimnis des Drehbuchs herauszufinden, doch aus dem merkwürdigen, wortkargen Mann, der an einem Tisch in der Kneipe hockt, wird er nicht schlau. Der scheint mehr über ihn zu wissen, als er vermutet. Mit immer neuen Bemerkungen weckt Bruno erst seine Neugierde und dann seine Besorgnis. Leicht könnte man den dicklichen Mann in seiner abgewetzten, zu engen Lederjacke übersehen bzw. unterschätzen. Doch das stellt sich als Irrtum heraus. So verpasst der Schauspieler seinen Flug.
Regisseur Ulrich Waller hat den Krimi „Nebenan“ von Daniel Kehlmann, der von Daniel Brühl verfilmt wurde, auf die Bühne des St.Pauli Theaters gebracht. Er spielt im gentrifizierten Prenzlauer Berg. Das urige, holzige Kneipenambiente mit roten Lampen über schlichten Holztischen gruppiert sich um einen drehbaren Tresen herum, an dem der dauergrantelnde Gast Micha (Torsten Hammann) vor sich hin schimpft und hinter dem die Wirtin (Nadja Petri) gekonnt alle Fäden in der Hand hält. An der Seite steht eine Jukebox, in die immer wieder eine Münze eingeworfen wird, wenn eine Stimmung mit der passenden Musik unterlegt werden soll - sei es, um sich abzureagieren oder sich zu beruhigen. Und das kommt häufiger vor. Denn der unscheinbare Bruno weiß als Ex-Stasi-Mann nur zu gut, wie man mit Worten manipuliert. Und in seinem neuen Job als Callcentermitarbeiter einer Bank sitzt er mittlerweile an der Quelle zum Erhalt von Informationen. Die Kontobewegungsdaten nicht nur von Olivers Frau, sondern auch dessen eigene deuten auf etliche Probleme hinter der glamourösen Fassade des Erfolgspaares hin. Oliver glaubt noch, sie mit dem Zücken seines Portemonnaies aus der Welt schaffen zu können. Doch der Wendeverlierer Bruno verfolgt ganz andere Ziele.
Waller hat es mit seinem bis in alle Nebenrollen hinein perfekt besetzten Ensemble verstanden, ihre Charaktere psychologisch bis in die kleinste Nuance hinein zu erarbeiten. Oliver Mommsen gibt den sympathisch auftretenden und dennoch unverhohlen arroganten Erfolgswessi mit jeder Faser seines Körpers. Stephan Grossmann ist ein überragender Strippenzieher, der gerade aus seiner scheinbaren Naivität und Harmlosigkeit seine Stärke zieht. So unscheinbar er auch zunächst wirkt, so schlagkräftig zaubert er nach und nach seine Beweise aus seiner abgeranzten Aktentasche. Über den Hinterhof musste er allzu lange dem selbstgewissen Treiben des Filmstars zuhören und zusehen. Wohlwissend, dass dieser erfolgsverwöhnte Typ nie in seinem Leben auch nur einen Gedanken daran verschwendet hatte, wen er aus seiner ausgebauten Maisonette-Wohnung vertrieben hatte. Bruno erkannte in ihm alles, was er in seiner kleinen Erdgeschosswohnung zu beneiden begann und was ihm zeit seines Lebens verwehrt bleiben würde. Ein Ost-West-Psychogramm in fein beobachteter und hoch konzentrierter Form, perfekt in neunzig Minuten auf die Bühne gebracht.
Birgit Schmalmack vom 9.1.26
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