Hope, Thalia Theater
Hope, Thalia Theater
Foto: Kerstin Schomburg
Hoffnung ist ein Ding mit Federn
Für die einen ist es Machtmissbrauch und für die anderen bedeutet es Chaos und Meuterei. Auf der einen Seite steht das Tanzensemble und auf der anderen Seite steht die Regisseurin (Maike Knirsch), die kurz vor der Premiere das gemeinsam erarbeitete Konzept ihres Stücks über den Haufen wirft und nur noch ein Solo übriglassen will. Sind zunächst die Fronten klar, hier das Ensemble und da die Regisseurin, so zeigen sich bald Risse zwischen den Mitgliedern des Casts. Die einen äußern Verständnis für ihr autoritäres Durchgreifen, die anderen finden ihren neuen Kurs übergriffig, verletzend und schlicht neunziger. Doch es ist mehr als eine Stilfrage. Der Regisseurin geht es auch um Inhalte. Sie hat den Glauben an die behutsame Transformation verloren. Ihre Hoffnung liegt auf der Zerstörung. Nur durch die Vernichtung des Alten könne etwas Neues entstehen. „Vielleicht brauchen wir wieder einen Krieg?“ Dagegen spricht sich die in goldene Farben gekleidete Göttinnen-Figur (Bien de Moor) aus: Ihre Hoffnung liegt in der Gemeinschaft, in der Zusammenarbeit und in der Solidarität.
Regisseur Guy Weizman hat am Thalia Theater in Kooperation mit seinem „NITE - National Interdisciplinary Theater Ensemble“ das Stück Hope herausgebracht. Es verbindet Musik, Tanz (Choreografie: Roni Haver) und Sprache. Das holländische Ensemble besteht aus lauter herausragenden Talenten, die sowohl tanzen, spielen wie auch singen können. Patrick Bimazubute, Thilo Werner, Maike Knirsch und Gloria Odosi aus dem Thalia Ensemble dürfen ihren Schwerpunkt dagegen auf das Schauspiel legen. Die Texte von Maria Milisavljević zeigen eine Welt, die verunsichert, ratlos und verängstigt ist. Angst vor Katastrophen und Krisen prägen ihr Denken. Es ist eine Welt, die in eine zunehmende Spaltung gerät. In die einen, die eine starke Führung suchen, und in die anderen, die sich eine gemeinschaftliche Weiterentwicklung wünschen. Diese Divergenzen werden auf der Bühne an dem Tanzensemble und ihrer Arbeit an ihrem neuen Stück durchgespielt.
Weizman benutzt dafür mit seinem interdisziplinär arbeitenden Ensemble alle zur Verfügung stehenden Theatermittel. Auf der Bühne sorgen verspiegelte Podeste und Deckenplatten, die alle verschieb- und drehbar sind, für ständig wechselnde Räume. Zusammen mit Licht und Nebel entstehen unterschiedliche Stimmungen. Mal sorgt rosa schimmerndes Licht für einen morgendlichen, hoffnungsvollen Sonnenaufgang, mal rote Scheinwerfer für eine blutrote, apokalyptische Endzeitstimmung. Die Liveband unterstreicht diese Wechsel mal mit musicalleichten Songs und mal mit wummernden harten Beats. Das Ensemble streitet sich ausgiebig in hitzigen Diskussionen und in emotionsgeladenen Tanzsequenzen. Zwischendurch treten einzelne Ensemblemitglieder an die Rampe und geben scheinbar autobiographische Einblicke in ihre ganz persönlichen Erfahrungen. Da ist von der Scham der geliebten Oma die Rede, die im Alter Pfandflaschen sammeln muss, um über die Runden zu kommen. Da berichtet eine Tänzerin aus der Arbeiterschicht, dass sie und ihre alleinerziehende Mutter für ihre Tanzstunden putzen gehen mussten. So ist ihr der Stolz, jetzt auf der Bühne stehen zu dürfen, auch wichtiger als das vermeintliche WIR der Compagnie im Widerstand gegen die Direktiven der Regisseurin.
Der Abend verzichtet auf einen stringenten roten Gedanken- oder Handlungsfaden. Die Wirrnisse der heutigen Zeit finden ihr passendes Abbild in der Vielgesichtigkeit der Probleme auf der Bühne. Doch wie soll so die „Hoffnung, dieses Ding mit Federn“ (Emily Dickinson) heutzutage noch zu bewahren sein? Vielleicht einfach dranbleiben, weitermachen und die Hoffnung als Muskel ansehen, den man trainieren muss? Mit dieser vagen Aussicht endet das Stück im Thalia Theater. Es ist ein spannender Abend geworden, der keine Minute Langeweile aufkommen lässt. Er scheut aber auch nicht vor gut klingenden Plattitüden und vor esoterisch anmutenden Lösungswegen zurück. Doch zwischendurch funkeln immer wieder Szenen von berührender Wahrhaftigkeit. Er ist eben wie ein Kaleidoskop, das kurze Schlaglichter auf unsere auseinanderdriftende Gesellschaft wirft, die ebenfalls keinerlei Abgründe auslässt.
Birgit Schmalmack vom 12.1.26
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