Performing Denkmal II, Lichthof
Performing Denkmal II, Lichthof
© Elijah Ofosu
Denkmal mit Aufforderungscharakter
Denkmal mit Aufforderungscharakter
Ein Denkmal als etwas Vergängliches, Flüchtiges anzulegen - das scheint ein Widerspruch zu sein. Doch Regisseurin Maria Isabel Hagen hat genau das mit ihrem multiprofessionellen Team im Sinn. Sie will dem kolonialen Erbe Hamburgs mit ihren nur zum Teil aufgezeichneten Performances im öffentlichen Raum nachspüren und es auf neue sinnliche Art erfahrbar machen. Dazu haben sie eine große stählerne Waage auf die Bühne gestellt, die mit Gold aufgewogen wird und so den Weg zum nächsten Denkmal auf der Anzeige weist. Immer weitere Erinnerungsfotos werden enthüllt. Und so ist zum Schluss die Ausstellung im Lichthof Theater bei der Premiere am Donnerstag zur Begehung bereit. Doch bis es soweit war, waren etliche Hürden zu überwinden. Als Hagen mit ihrem afrodiasporischen Künstler:innenteam die Hamburger Orte besuchte und diese fragte, was ihnen dazu einfalle, erntete sie oft ein Kopfschütteln. Denn es waren Redflag-Orte, die sie meist sprach- und inspirationslos machten. So mischen sich unter die Denkmalorte neben roten auch viele grüne Ziele. Denn es gibt in Hamburg viele schwarze Menschen, die ein Denkmal verdient hätten, aber an die keiner bisher erinnert.
Während die performten Denkmäler für die roten Orte eher getragen, zeremoniell und besinnlich daherkamen und große Trauer ausdrückten, waren die grünen der Feier gewidmet. So zum Beispiel für die Künstlerin Marie Nejar, die mit einer beschwingten und humorvollen Choreographie zu ihrem Lieblingslied „Killing Me Softly With His Song“ gefeiert wurde. Als dagegen an die unselige und beschönigte Vergangenheit der Völkerschauen in Hagenbecks Tierpark erinnert wurde, legten die Performer:innen sich rote transparente Schleier über den Kopf und verharrten in stillen, geheimnisvollen Posen auf der U-Bahn-Station „Hagenbecks Tierpark“ und verteilten Flugblätter. Ebenso in Erinnerung an die Verbrechen im Baakenhöft, der zwischen 1904 und 1908 als logistische Drehscheibe für den kolonialen Völkermord an den Herero und Nama diente. In einer Zeremonie gedachten die Performer:innen den Toten, indem sie Blumen in das Wasser legten.
Gifty Lartey und Hagen führen als Moderatorinnen durch den Abend. Als seriöse Museumsführerinnen im schwarzen Anzug leiten sie durch die Ausstellung. Sie enthüllen ein Denkmal nach dem anderen und geben den nötigen Informationshintergrund. Manchmal in einem Frage-Antwort-Dialog, manchmal mit einem vorgetragenen Infotext. Ein Highlight der performten Ausstellung ist der Auftritt der Medienkünstlerin Mawuto Dotou, die mit ihren unkonventionellen Ideen für eine Umkehr der Blickrichtung sorgte. Sie erschuf mal eben ein „Bundesamt für verdrängte Verantwortung“, eine Safer-Space-Karte von Hamburg, die aber aus gegebenem Anlass unveröffentlicht bleiben muss, und eine Payback-Karte, die im Publikum verteilt wird. Aber eben nur an Auserwählte. Denn sie soll ermöglichen, dass Menschen, die tagtäglich in Deutschland kostenlose kulturelle Aufklärungsarbeit für die autochthone Gesellschaft leisten, endlich entlohnt werden.
Am Ende bleibt ein Raum gefüllt mit den vielfältigsten Erinnerungen an Ereignisse, Verbrechen, Geschichten und Menschen. Das Team fragt sich gegenseitig: Was nimmst du mit? Doch nur wenige Antworten sind laut zu hören. Die übrigen tauschen sie leise an der langen festlich geschmückten Tafel in der MBassy aus, dem letzten Ort ihrer Denkmalsreise. Hier feiern sie viele besondere schwarze Hamburger mit einer Laudatio, die diese Würdigung verdient hätten. Hier gehen sie in das Gespräch miteinander. Und so mündet die Performance direkt in den sich anschließenden Austausch der Zuschauenden. Denn Hagen hat mit ihrem Team eine atmende Denkmalsarbeit geschaffen, die sich nur im Miteinander erleben lässt. Sie ist weniger etwas Postuliertes als vielmehr etwas Aufforderndes. Wie viel sie bewirken kann, liegt in der Verantwortung der Zuschauenden.
Birgit Schmalmack vom 28.2.26
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