Ismene, Schwester von, Ernst Deutsch Theater
Ismene, Schwester von, EDT
Copyright Fabian Hammerl
Monolog der kleinen Dramen
Sie ist nur ein Halbsatz der Geschichte geblieben: Ismene, die Schwester von Antigone. Immer stand sie im Schatten ihrer Familie, die für Schlagzeilen sorgte. Man könne nicht sagen, dass ihre Familie harmonisch gewesen wäre. Ihr Bruder schlief mit ihrer Mutter. Ihre Mutter beging Selbstmord. Ihr Vater stach sich die Augen aus. Ihre Brüder brachten sich gegenseitig aus Machtgier um. Ihre Schwester wurde von ihrem Onkel in den Tod getrieben. Wie die Dominosteinchen fiel ein Familienmitglied nach dem nächsten. Nur Ismene und ihr Onkel Kreon blieben übrig. Nun tausende Jahre nach ihrem Tod stellt sie sich einer Zuhörerschaft und seinem Urteil. Ist sie feige gewesen? Wird man Verständnis für die Beweggründe der einzig Normalen in einer Irrenanstalt haben, die durch das Würfelspiel der Götter zu ihrem Schicksal verdammt waren?
Zuerst stammelt Nadin Schumacher nur. Nur mühsam wie kleine einzelne Brocken fallen die Sätze Stück für Stück aus ihrem Mund heraus. Viel besser kann sie das Bellen und Schnaufen der Hunde verstehen, deren Geräusche sie Tag und Nacht an ihrem Ort der Verbannung umgeben. Zu lange hat sie mit niemanden mehr gesprochen. Nur ihre Gedanken, Schuldgefühle und Fragen in ihrem Kopf hin und her bewegt. Nun endlich darf sie reden. Darf sie auch hoffen auf eine Erlösung ihrer Einsamkeit? Unsicher ist sie, zaghaft, unbeholfen. Für sich selbst etwas zu wollen und zu fordern, ist ihr ungewohnt.
Dabei wollte sie doch nur ein ganz normales Glück, einen Wunsch, auf den ihre Schwester stets verachtend herabgeblickt hat. Nein, mutig war sie nie. Entscheidungen zu treffen fiel ihr schwer. Denn woher sollte man wissen, was richtig und was falsch ist. Das wusste ihre Schwester immer ganz genau. Diese ging voran, Ismene hinterher. Genau wie an der Kletterwand am hinteren Bühnenrand. Dort hängt sie dann, mal seitwärts gekippt, mal mit dem Kopf nach unten, mal auf dem Weg nach oben bis zur oberen Kante.
In ihrem Totenreich ist es schwarz. Überall tropft es von der Decke. Pfützen breiten sich auf dem Boden aus. Mit nackten Füßen umrundet Schumacher sie oder springt direkt hinein. Mit nassen Händen zeichnet sie sich ihr Gegenüber auf die schwarzen Wände. Der Text von Lot Vekemans ist stark, doch erst Schumacher erweckt ihn zum Leben. Sie verkörpert eine Frau, die stets in der zweiten Reihe stand. Eine, die übersehen und vergessen worden ist, die nun ins Licht tritt und Bilanz zieht.
Der Monolog dieser Frau ist in der Inszenierung von Mia Massmann und Thomas Cesbron im Studio des Ernst Deutsch Theaters ein sinnliches Erlebnis. Obwohl wenig Äußeres zu sehen gibt, ist Schumachers Spiel so bewegend, dass niemand sich ihrer ernsthaften Selbstbefragung, ihrem zarten Humor, ihrer betulichen Selbstironie und ihrem bescheidenen Charme entziehen kann. Großer Applaus am Ende für ihre herausragende Leistung.
Birgit Schmalmack vom 1.3.26
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