Der Drache, EDT
Der Drache, EDT
Copyright Sinje Hasheider
Anerzogene Unmündigkeit
Das Mädchen lächelt. Ihr Vater auch. Dabei ist es heute ihr letzter Tag unter den Lebenden. Morgen wird ihre Hochzeit und damit ihr Todestag sein. Ihre Stadt wird seit Jahrhunderten von einem Drachen regiert und der fordert jedes Jahr ein junges Mädchen als Brautopfer. Aufstand, Rebellion, Gegenwehr oder Panik? Alles Fehlanzeige, stellt Ritter Lancelot fest, als er in die Stadt kommt. Spontan beschließt er, das Mädchen zu retten und die Stadt von dem Drachen zu befreien.
Zuvor hatte man vor dem noch geschlossenen Vorhang klargestellt: Das hier ist ein Märchen. So verwundert es auch nicht, wenn Lancelot sich in der ersten Szene mit der Hauskatze, die zudem auch noch ein Saiteninstrument bedienen und singen kann, über die Verhältnisse in der Stadt aufklären lässt. Lancelot bleibt auch noch unerschrocken, als ihm die Kräfte und die Erscheinung des Drachens beschrieben werden. Dieser kann seine Gestalt ändern und tritt zunächst in ganz menschlicher Form auf, mal als schnippischer Businessmann und mal als gebrechlicher Alter in Nachtzeug. Es stellt sich heraus, dass er keineswegs unbesiegbar ist. Nur die Angst aller Anderen hat ihm diese Macht verliehen. Auch wenn Lancelot nach dem Kampf schwer verletzt verschwunden ist - die Stadt ist frei. Lancelot ruft den befreiten Bürgern zu: „Nun liegt es an euch!“
Doch die Freiheit währt nicht lang. Nach der Pause ist klar: Schnell hat sich ein Nachfolger gefunden, der in die Fußstapfen des Drachen tritt. Zu sehr ist das Volk an seine Unselbstständigkeit und Unterwürfigkeit gewöhnt. Es akzeptiert ohne Murren die autoritäre Führung des ehemaligen Bürgermeisters als neuen Präsidenten. Er setzt sogar die Tradition der Brautvergabe fort: Er will das Mädchen zu seiner Frau nehmen, die einst dem Drachen versprochen war. Doch nun lächelt sie nicht mehr. Sie sagt klar und deutlich „Nein“.
Diese Parabel über den Machtmissbrauch und das anerzogene Duckmäusertum eines unmündigen Volkes und wie sich beides bedingt, hat Evgeni Schwarz in Russland geschrieben, kurz bevor die Deutschen im Zweiten Weltkrieg einmarschierten. Nun auf der Bühne des Ernst Deutsch Theaters wird daraus eine höchst moderne Allegorie auf Regime wie das von Putin oder Trump. Doch Regisseurin Mono Kraushaar und Daniel Schütter (der die Regie zwei Wochen vor der Premiere wegen Kraushaars Krankheit übernehmen musste) setzten nicht auf billige Parallelitäten, sondern belassen den Text in einem Raum der Vieldeutigkeiten, der den Zuschauenden Platz für eigene Schlussfolgerungen lässt. Zudem reichern sie den Stoff um Nebenfiguren an, die für den ein oder anderen Lacher sorgen. Dass allerdings auch der Bürgermeister wie eine Knallcharge dargestellt ist, sorgt dafür, dass man den eigentlich sehr beunruhigenden Inhalt allzu leicht über den nächsten Witz beiseiteschieben kann. Aber die Aussage des Stückes hat es in sich. Ein Volk kann seine Demokratiefähigkeit verlieren und es nicht einmal vermissen.
Birgit Schmalmack vom 1.3.26
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