Keine Aufstiegsgeschichte, EDT
Keine Aufstiegsgeschichte, EDT
© Oliver Fantitsch
Druck schafft Diamanten
Der junge Mann soll einen Preis bekommen. Für seinen Aufstieg aus der Armut. Er soll mit seiner Biographie beweisen, dass jeder es schaffen kann, wenn er sich nur genügend Mühe gibt. Doch seine Geschichte ist keine Aufstiegsgeschichte, das macht der Abend im Ernst Deutsch Theater klar. Der Laudator für die Preisverleihung ist ein jovialer Hamburger aus den Reihen der Hamburger Kaufleute der Hansestadt, in blauem Anzug zu weißen Sneakers, der ihn als leuchtendes Beispiel für die Durchlässigkeit des Systems hinstellen möchte. „Druck schafft Diamanten,“ so drückt er es aus. Doch in den folgenden zwei Stunden ist das Gegenteil zu sehen. Selbst am Tag seiner Auszeichnung ist David nur mit den Widrigkeiten seines Alltags beschäftigt.
Der Hamburger Autor Olivier David hat zusammen mit dem Regisseur Marco Damghani und dem Ensemble (José Barros Moncada, Rune Jürgensen, Oscar Hoppe, Nina Carolin, Tash Manzungu) aus seinem autobiographischen Roman ein Stück für die Bühne entwickelt. Von Altona wurde der Ort des Geschehens nach Steilshoop verlegt. Das einzige Refugium für David und seine Kumpel ist der kleine Bramfelder See. Hier chillen und kiffen sie ausgiebig. Sein Tag ist gekennzeichnet von einer langen To-Do-Liste, die nichts als Hindernisse bereithält. Er braucht einen Anzug, doch das Geld dafür ist Fehlanzeige. Als er sich von seinem Kumpel Firo was besorgen möchte, spannt der ihn sofort in seine kriminellen Machenschaften ein. Überfall auf einen wohlbetuchten Hamburger in Winterhude, wo ist das Problem? Dann der Besuch bei seiner Mutter: Eine Konfrontation mit einer psychisch kranken Frau, die ihre vermeintliche Liebe für ihre Kinder stets in selbstbezogene Vorwürfe dreht. Eine Ahnung von seiner Kindheit entsteht: Als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern war sie so überfordert, dass sie weder sich selbst noch ihren Nachwuchs unterstützen konnte. So kommt Davids vorsichtige Erwähnung der eigenen psychischen Probleme bei ihr gar nicht an. Sie hat genügend mit sich selbst zu tun. Auch die Schwester ist keine Hilfe. Sie hat der Familie den Rücken gekehrt und steht aus Selbstschutz für die Sorge um andere nicht zur Verfügung. Doch diese Stärke fehlt David noch. So gleicht sein Leben einem Hindernislauf. Die Probleme der anderen werden flugs zu seinen eigenen. Wenn Firo ihm vorwirft, dass er sich doch wohl nicht auf ihn verlassen könnte, ahnt man die lange Kette der gegenseitigen Abhängigkeiten. Wo die Basis durch die Familie und ein geordnetes Umfeld fehlt, ist man auf die Unterstützer angewiesen, die da sind. Auch wenn die genauso straucheln wie man selbst.
In EDT wird David gleich von fünf Schauspielenden gespeilt. Wie in einem Computergame geben sie sich die silberne Umhängetasche als Staffelstab von Szene zu Szene weiter. Derweil springen die Übrigen in alle weiteren Rollen. Und singen zwischendurch ihren Frust in Rappsongs (von Disarstar und Luvre47) heraus. Dazu wurde eine Rampe ins Publikum gebaut, damit die Botschaft direkt ins Volk gebracht werden kann. Das funktioniert mit der überbordenden Energie des Ensembles hervorragend. Selten hat man ein Theaterpublikum aus 70+ und 20+ so vereint in einem Theatersaal gesehen. Vereint in einer Begeisterung für einen Stoff, der beileibe keine leichte Kost ist. Doch auf diese Weise, mit so einer großen Spiellust und Ideenvielfalt findet er den Weg in die Herzen der Zuschauenden. Allerdings unter Hinnahme einer leicht verschobenen Schwerpunktsetzung. An diesem Abend steht weniger die krankmachende Komponente der Armut im Mittelpunkt, sondern eher der engagierte Aufruf an die schweigende Mehrheit, die endlich offen ihre Probleme benennen und selbstbewusst auf deren Änderung bestehen soll. Dazu hält ganz am Schluss der letzte der David-Darsteller, José Barros Moncada, eine flammende Rede auf der Rampe. Ein engagierter Abschluss eines begeisternden Theaterabends.
Birgit Schmalmack vom 6.4.26
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