Warten auf Bardot, VB
Warten auf Bardot, VB
Foto © Philip Frowein
Suhlen in der eigenen Kunst-Unsinns-Blase
Suhlen in der eigenen Kunst-Unsinns-Blase
Drei sind einer zu viel, diese Weisheit beweisen die Drei, die in ihrer WG-Hölle gefangen sind, jeden Tag aufs Neue. Es könnte so schön sein, wenn sie nicht ständig in Streit ausbrechen würden. Irgendwas kommt immer dazwischen, wenn es gilt das Leben zu genießen. Auch unter diesen beschränkten Bedingungen. Das überlegt jedenfalls einer von ihnen namens Potsdam (Amelie Willberg). Warum heißt er so? Ganz klar, Potse ist als Name urheberrechtlich streng verboten. Auch dürfen keine Frauen in dem Beckett Stück „Warten auf Godot“ mitspielen. Was will man da machen? Man wartet einfach nicht auf Godot, sondern auf Bardot. Wie heißt die Person? „Bardot, Mann!“ „Ach, sie heißt Bardotmann?“ „Nein, Bardot ohne Mann, Mensch!“ „Ach so, Bardot-Mensch.“ So geht das minutenlang, wenn Dieter (Meo Wulf) und Potsdam klären, worauf sie hier in ihrer Hölle jetzt warten. Also doch auf eine Frau?
Diese erscheint dann auch regelmäßig mit viel Rauch, wenn einer von den drei Schnauzbärtigen das Träumen beginnt. In Gestalt von Christiane Groß zwängt sie sich als blondgelocktes Frolleinwunder durch die Höllentür, über der ein Exitschild prangt. Eine Frau! Unvorstellbar unter all den Jungs, die hier hausen. Mit ihrer blauen Sofalandschaft, die als Communication-Pit dienen soll. Denn sie kommunizieren einfach zu wenig, hat Dieter festgestellt. Doch die Sofalandschaft hilf dabei leider gar nicht, ganz im Gegenteil, zum Schluss ist sie komplett demontiert.
Die Bühnenkreation von Meo Wulf und seinem Volksbühnen-Team wabert ständig zwischen totalem Blödsinn, angedeutetem Horror und pseudophilosophischen Ernst. Sie gibt ständig vor, eine bedeutungsvolle Metaebene einziehen zu wollen, etwas über Genderthemen, Lebensvorstellungen und Sinnfragen mitzuteilen zu haben, muss dann aber zu schnell den nächsten Joke reißen, um das so lange durchzuhalten, bis sich eine solche ergibt. So glänzen eher nur die Kostüme in schimmernden Kupfergold und aufgekletteten Beulen verschiedenster Art. Ein hoch erigierter Penis darf dabei nicht fehlen. Bei allen dreien, obwohl Potsdam immer mal wieder in die Runde wirft, dass sie eigentlich eine Frau sei. Ob das nur aus urheberrechtlichen Gründen geflissentlich ignoriert wird, bleibt offen. Ihr werden zwar irgendwann der Brusthügel abgerissen, zurück bleiben zwei blutende runde Stellen, aber das wird auch nicht weiter problematisiert. Nur als Mennanie (Markus Bernhard Börger ) ebenfalls ihren Brusthubbel verliert, stellt Dieter befriedigt fest: So muss das aussehen: Es zeigt sich ein Loch, das den Blick auf eine dichte Brustbehaarung freigibt. Als er dann aber seinen eigenen Brusthügel abreißt, ist kein Loch und keine Brustbehaarung zu sehen. Mit diesen kleinen Andeutungen muss man sich aber zufriedengeben, falls man an diesem Abend queere Botschaften von Meo Wulf erwartet hat.
Das Warten auf die legendäre Inkarnation einer Frau, also auf Brigitte Bardot, erweist sich allerdings als noch unnötiger als bei Beckett auf Godot. Als sie endlich erscheint, entpuppt sie sich als reaktionäre Nationalistin und Rassistin, die ihre Ansichten aus ihrem letzten Buch schreiend zum Besten gibt.
So hilft letztendlich eine andere weibliche Figur aus dieser Zwischenhölle heraus: Bonehilda – zu Deutsch: Knochenhilda - (Sonia Yeremytsia) aus dem PC-Game Sims, die nicht nur prima tanzen und singen kann, erweist sich zum Schluss für Potsdam, die Frau unter den drei Höllenbewohnern, als Wegweiserin auf das nächste Level hinauf. Sie wedelt so lange mit dem Exit-Schild, bis Potsdam endlich den Schritt wagt. Mitnehmen darf sie nichts, alles muss sie zurücklassen, um vielleicht das Paradies, zumindest aber das ungewisse Neue zu betreten. Auch ihre zwei Leidenskumpanen muss sie zurücklassen. Das ist vielleicht die leichteste Übung. Dennoch zögert sie. Beim bekannten Leiden weiß man wenigstens, woran man ist. Was sie aber erwartet, nachdem sie durch die Tür getreten ist, ist ungewiss. Ein Bild, dass Beckett entnommen sein könnte.
Doch bei Meo Wulfs neuester Produktion ist alles mit so vielen zeitgeistigen Andeutungen und überbordenden Klamauk dekoriert, dass es schwerfällt, sich auf eine der vielen angebotenen Stimmungen einzulassen. Am besten ist es wohl, wenn man sich wie das geübte Volksbühnenpublikum völlig fallen, sich von den absurden Ein-und Ausfällen erheitern, jegliche Erwartungen auf ein Meta-Mehr fahren lässt und alles Weitere als Zugewinn verbucht, mit dem man nicht gerechnet hatte. Das Treiben auf der Bühne knüpft an frühere Volksbühnentraditionen an, die sich genügen, wenn sie selbst nur ausreichend Spaß auf der Bühne haben. Und das haben die Fünf eindeutig. So sind die gut gefüllten Reihen voller Begeisterung, Gelächter, Freude über ein Bubble-Gemeinschaftsgefühl, das man in der Vergangenheit wohl zu oft vermissen musste. Es gibt zumindest eine Ahnung davon, wie es sein könnte, wenn an der Volksbühne wieder schranken- und grenzenlose Kunst für die eigene Fanbase betrieben werden darf.
Birgit Schmalmack vom 16.4.26
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