Die kleine Meerjungfrau, Thalia
Die kleine Meerjungfrau, Thalia
© Kerstin Schomburg
Eine große Feier des Fluiden
Die ständige Verwandlung ist das Thema. Deshalb ist die Bühne zunächst eine Garderobe mit lauter Schminktischen. An ihnen werden die Darstellenden zu den Identitäten, die sie sich erträumen. Neben den zwei Thalia-Ensemble Mitgliedern (Victoria Trauttmansdorff und Julian Greis) stehen fünf Hamburger und Berliner Dragqueens (Elias Arens, Olympia Bukkakis, Judy Ladivina, Leona London, Moné Sharifi) auf der Bühne. Wer, wenn nicht sie, sind Expert:innen in Sachen Transformation? Und somit auch bestens geeignet für eine ganz neue Interpretation des Andersen Märchens „Die kleine Meerjungfrau“. Regisseur Bastian Kraft nutzt diese Perspektive als eine, die mit dem Wechseln zwischen zwei Welten bestens auskennt.
Wenn sich die kleine Meerjungfrau in einen Menschenmann über Wasser, also auf der anderen Seite, verliebt, muss sie auf ans andere Ufer wechseln und sich verändern. Wie jetzt Kraft mit seinem tollen Ensemble ständig zwischen den autobiographischen Erzählungen der Dragqueens, dem Märchen und den Musik- und Tanzeinlagen hin- und herschaltet, ist große Show. Ist man noch gerade berührt von den biographischen Erzählungen der Dragdarstellenden über Mobbing, Ausgrenzung und Zurücksetzung, so lässt man sich kurze Zeit später in träumerische Unterwasserlandschaften hinabziehen oder mit dem nächsten getanzten Song mitreißen. Die glitzernden, innovativen und fantasievollen Kostüme und Bühnenbilder tun ihr Übriges.
Es wird keinen Moment innerhalb dieser zwei pausenlosen Stunden je langweilig. Und dennoch ist das, was hier geboten wird, nie nur Unterhaltung. Stets schimmert bei allem witzigen Trash der ernste Hintergrund mit auf. Doch der erhobene Zeigefinger fehlt völlig. So wird diese große Feier des Fluiden zu einem perfekten Abend mit Spaß und Botschaft. So lebensbejahend kann Vielfalt aussehen. So unverkrampft können Haltungen übermittelt werden. Wer hier noch einen Gedanken an Kulturkampf verschwendet, der versteht wirklich keinen Spaß.
Birgit Schmalmack vom 1.3.26
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