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Last Call, Kammerspiele

Last Call, Kammerspiele

© Maria Baranova

Maestros unter sich

Herbert von Karajan geht noch einmal die Partitur für seine Brahms -Aufführung durch - obwohl er das Stück schon über 160-mal dirigiert hat. Perfektion geht ihm über alles. Er sitzt dafür an einem Tisch im Hotel Sacher bei einer Kanne Tee. Doch dann kommt kein anderer als Leonhard Bernstein zur Tür der Bar herein, ausgerechnet Karajans härtester Konkurrent. Die beiden verbindet eine Art Hassliebe. So beginnt ein Schlagabtausch zwischen den beiden Maestros. Zeuge ist der Kellner, der auch für den Autor des Stückes Peter Danish zur Inspirationsquelle wurde.

Jahrzehntelang beäugten die Dirigenten ihre gegenseitige Karriere. Während der eine stets nach größtmöglicher Perfektion suchte, ließ sich der andere lieber von den Emotionen inspirieren, die seine Musik auslösen soll. Während der eine stets die Werke anderer nachspielen ließ, schuf der andere zusätzlich auch eigene Werke. Doch über die kann Karajan nur die Nase rümpfen. Musicals wie „West Side Story“ schuf Bernstein, die alle am Broadway liefen. Die Grenze zwischen E und U zu überschreiten, kam für den Puristen Karajan dagegen nicht in Frage. Doch der Jude Bernstein wirft dem Kollegen etwas Anderes vor: Wie hatte er in die NSDAP eintreten können? Auch das begründet Karajan mit seiner Liebe zur Musik. Nur mit diesem Parteiabzeichen hätte er weiterhin als Dirigent tätig sein und in Ruhe seiner Musik nachgehen können.

Wenn der Kellner den Tresen umdreht und ein Pissoir zum Vorschein kommt, haben die beiden Herren Zeit zur Selbstreflektion. Hier offenbaren sie, wenn keiner zuhört, ihre Selbstzweifel und ihre Bewunderung für den jeweils anderen, die sie nie offen zugeben würden.

Bernstein muss sich fragen, wie mutig er wohl selbst bei umgekehrten Vorzeichen gewesen wäre. Und Karajan sich eingestehen, dass er auch gerne das Talent zum Schöpferischen besessen hätte. In einem Punkt allerdings sind sich die beiden Streithähne einig: in ihrer Bewunderung für Maria Callas. Und flugs verwandelt sich der Kellner mit einem langen schwarzen Samtkleid in die Diva und fängt an zu singen. Die samtweiche, ausdrucksstarke Stimme des Countertenors Victor Petersen führt die Macht der Musik direkt vor Augen, die die Beiden ihr Leben lang gefangen genommen hat.

Peter Danish hat ein spannendes Kammerstück geschrieben. Durch den Kunstgriff des Regisseurs Gil Mehmert, die beiden Maestro-Rollen mit zwei Frauen zu besetzen, bewahrt er es auf der Bühne vor jedem Versuch der bloßen Nachahmung, die nur misslingen kann. Helen Schneider ist als jovialer, lebensfroher und selbstgewisser Bernstein eine Wucht und Lucca Züchner verkörpert Karajan überzeugend als grübelnden, arroganten und eitlen Sturkopf. Ein sehenswerter Theaterabend mit Tiefgang. Das letzte Wort hat Karajan: "Schuld hieße Verantwortung. Und verantwortlich fühle ich mich nicht für das, was passiert ist, aber was ich fühle ist Scham, Leonard. Große Scham."





Birgit Schmalmack vom 7.3.26

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