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Ja nichts ist ok, Thalia

Ja nichts ist ok, Thalia

Bilder: Thomas Aurin

Nichts ist sicher

Die Steine neben dem Bungalow sind aufeinandergestapelt. Riesengroße, runde Findlinge, die jeden Moment umstürzen und das Haus unter sich begraben können. Paul kämpft jedoch derweil mit Stefan, Da Fabian Hinrichs jedoch alle Rollen übernimmt., auch mit sich selbst. Er zieht sich an den Haaren empor stößt sich in den Pool und drückt sich unter Wasser. Auch C. wohnt mit in dieser WG der besonderen Art. Dafür wirft sich Hinrichs, schnell einen lachsfarbenen Pullover über die Schulter. Wenn er zu Stefan wird, setzt er eine Brille auf, oder manchmal auch nicht. Eigentlich ist es nicht so wichtig, in wessen Rolle er gerade schlüpft, denn alle diese Drei sind alle ziemlich beschädigt. Der eine baut eine Mauer aus Pappkartons, um den anderen nicht mehr sehen zu müssen. Der andere redet am liebsten mit seinem sprechenden KI-Kühlschrank und die Dritte erzeugt Kleiderhaufen im Bungalow und hält sich ansonsten raus.

Ein Riss zieht sich durch die WG und vielleicht auch die Gesellschaft. Wenn in der Welt Krieg herrscht, kann es da im Privaten friedlich bleiben? Einig ist man sich schon lange nicht mehr, so gerät jede kleine Störung, jedes Rascheln, jede Unachtsamkeit zum Aufreger. Regisseur und Autor Rene Pollesch nimmt hier mit seinem Solodarsteller Hinrichs eine äußerst deprimierende Sicht auf unsere Gesellschaft ein, die zwischen Hass auf alle und Sehnsucht nach Allem hin und her schwankt. Die so viel vermisst und doch nichts einbringen kann. Die so viel erwartet, aber kaum etwas geben kann. Die an dem Zustand der Welt verzweifelt und so dringend Trost im Heim bräuchte und ihn nicht finden kann. Eine unbehauste Gesellschaft auf der Suche. So voller Verzweiflung, voller Überforderung und voller unerfüllter Liebe. Hinrichs ist in seiner Shorts um die nackten dünnen Beine, mit seinen nassen Haaren und den schief hängenden Pullovern eine jämmerliche Gestalt, die hin und herhechtet zwischen seinen verschiedenen Rollen und doch in keine passt. Ständig beim Wechseln hält er es nie lange in einer aus. So findet er auch keine Position in dieser aufgeregten Welt, die jede sichere Basis vermissen lässt. Doch dann gibt es diesen einen Schussmoment, in dem plötzlich Menschen auf die Bühne kommen. Sie nähern sich Hinrichs und als er zu Boden sinkt, legen sie sich auf ihn. Sie bilden einen Menschenhügel, der im Gegensatz zu den Steinstapeln nicht umstürzen kann. Eine Ahnung von Gemeinschaft tut sich auf. Man ahnt aber auch, dass sie Hinrichs sie nicht lange aushalten können wird. Standing Ovations am Schluss beim Hamburger Gastspiel im Rahmen der Lessingtage.

Birgit Schmalmack vom 15.2.26

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