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Mothers - A Song For Wartime, Thalia

Mothers - A Song For Wartime, Thalia

Foto: Bartek Warzecha

Europa braucht eine Therapie

„Never again“, diese zwei Worte stehen am Ende von „Mothers – A Song For Wartime“, den die 21 Frauen zur Eröffnung der Lessingtage auf die große Bühne gebracht haben. Unter dem Dirigat der Regisseurin Marta Górnicka aus dem Zuschauerraum heraus haben sie einen sehr klaren Aufruf für ihre europäischen Zuschauer:innen mitgebracht: Vergesst den Krieg in der Ukraine nicht und setzt euch noch mehr für sein Ende ein. Euer Engagement macht einen Unterschied. Um das zu erreichen, weiß Górnicka ihre bewährten Mittel sicher und konsequent einzusetzen. Sie verwebt aus ukrainischen Volksliedern und Gedichten, selbstverfassten Monologen, Fakten und Appellen einen sehr genau choreographierten Sprech- und Chorgesang. Sie formt die 21 Frauen, allesamt keine professionellen Schauspielerinnen, sondern in Warschau zusammengetroffene Geflüchtete aus der Ukraine und Belarus, einen Chor, der die Texte so zusammensetzt und rhythmisiert, dass ihre Botschaft nicht zu überhören ist. Diese Frauen wollen keine Opfer des Krieges mehr sein, sie wollen ihre Körper nicht weiter benutzen lassen, weder von den vergewaltigenden russischen Soldaten noch für die Nachwuchsproduktion der ukrainischen Armee. Sie wollen ihre Stimmen erheben.

Der einstündige Abend macht ihre Bandbreite der Gefühle deutlich. Von grenzenloser Wut und von überbordenden Hass ist die Rede, aber auch von dem Wunsch nach Harmonie und Liebe. Sie wollen die Hoffnung nicht verlieren und machen daher auch ihre Erwartung an Europa sehr klar. Europa müsse sich seiner eigenen Kriegsangst und seinem unverarbeiteten Kriegstrauma endlich stellen, damit es die Ukraine angemessen unterstützen könne. Doch so sehr dabei die Angriffslust auch aus ihren Bewegungen und Gesichtern spricht, so schnell können sie auch wieder auf Dankbarkeitsbekundungen umschalten. So wechseln sich Drohgebärden und Herzchengesten ab. Górnickas Dramaturgie lebt geradezu von diesen Kontrasten, die sie zum Teil auch zeitgleich auf der Bühne einsetzt. Mit einem ganz eindeutigem Ziel: um der Botschaft der Frauen Nachdruck zu verleihen. Der Abend erzielt diese Wirkung einerseits durch seine klare Zielsetzung mit genau kalkulierten Mitteln, aber wäre andererseits nichts ohne die Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit der Frauen auf der Bühne. Sie sind die sympathischen und authentischen Trägerinnen dieser Botschaft. Sie geben ihr die Glaubwürdigkeit, der man sich als Zuschauende kaum entziehen kann. Die sonst im Kunstkontext gerne hochgehaltene Diskursoffenheit, in der über Wahrheiten gestritten werden kann, darf und soll, steht nicht im Fokus. So bleibt als einzig angemessene Reaktion des Publikums mit Standing Ovations zu applaudieren.

Birgit Schmalmack vom 2.2.26



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