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Bibby Challenge, Unsichtbar, Schwimmen lernen

Unsichtbar Foto: Simone Scardovelli

Grenzexistenzen

Drei Zuschauerkreise und drei Geschichten von Bewohnern eines der vier Bibby-Schiffe in Altona gibt es bei „Bibby Challenge“ in der K4. Die drei Migranten (Arijana Suljić, Adnan Softić, Ilhana Verem) erzählen von höchst unterschiedlichen Erfahrungen: Der erste von einer fürchterlichen Zeit des Eingepferchtseins auf 9 Quadratmetern in dem schaukeligen, windigen und feuchtkalten Zimmer. Die zweite von einer schönen Kindheit auf 15 Quadratmetern, auf denen ein ganze Familie Zuflucht bekam und ein enges, aber sicheres Familienleben über drei Jahre führen konnte. Die letzte von einem herausfordernden, aber viel besseren Leben als im Herkunftsland. Diese Grenzexistenzen auf dem Wasser werden auf diese Weise aus der Anonymität gehoben und bekommen jeweils ein Gesicht und eine Stimme.

Wir sind eure Zukunft
Von der Decke fallen in „Unsichtbar“ Hunderte von Plastikbechern in schwarz, rot und gelb auf die fünf Performer herunter. Sie machen ihnen das Tanzen auf mit Deutschland-Müll übersäten Boden schwer. Weitere Tonnen von Plastikbechern in anderen Farben machen die Grundlage bunter und noch voller. Einer greift sich den großen Laubbläser und versucht die bald zertretenen Becher in eine Ecke zu pusten, erfolglos, denn die anderen lassen sich nicht in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken und verteilen die Becher schnell wieder auf der ganzen Fläche. Kurz vor Ende wird einer von ihnen mit Plastikfolie zu einer Standpuppe gewickelt, auf den Boden gekippt und nun ebenfalls mit drei Laubbläsergeräten hin- und hergeblasen. Doch so einfach machen diese fünf Migranten es den Deutschen nicht. Sie lassen sich nicht wie Müll in eine Ecke schieben. „Wir sind eure Zukunft“, behaupten sie und erklimmen die Zuschauerreihen, während sie in einem lautstarken Chor den Deutschen ihren Spiegel vorhalten. Starke Choreographien (Andrea "AnDy" Dorawa) persönliche Erfahrungen von fünf außergewöhnlichen Performern (Ana Franjcevic, Drazen Pavlovic, Azad Yesilmen, Siham Refaie, Sarah Isabel Mohr), starke Bilder und drei Filme über drei unsichtbare, illegale und ungeschützte Arbeiter verhelfen Branko Šimics neuer Arbeit „Unsichtbar“ für das diesjährige Krass-Festival zu einem eindrücklichen Statement.

In den eigenen Träumen untergehen?

Ans Meer fahren, davon träumt Felicia (Anastasia Gubareva) immer wieder. Unverzichtbarer Bestandteil ihres Traumes ist immer der einzig passende Partner, der sie an das Ziel bringen soll. Zum Schluss macht sie jedoch ganz alleine auf den Weg. Das Schwimmen Lernen, auch gegen den Strom der allgemeinen Meinung, muss sie zunächst ganz eigenständig angehen. Sie kann sich nicht in die Illusion treiben lassen, dass schon der perfekte Partner die Erfüllung ihrer Träume bringen wird. Zumal sie ihn zuerst in ihrem Mann Pep (Dimitrij Schaad) zu erkennen meint, den sie nach nur fünf Wochen heiratet. Für immer will sie mit ihm zusammen bleiben, alles teilen, seine Familie, die Sonntag-Nachmittags-Kaffeekränzchen und die familiären Besäufnisse. Doch dann kommen ihr die ungestillten Sehnsüchte in die Quere. Sie trifft auf Lil (Marina Frenk), eine Frau, die nie lange irgendwo bleibt, die sich nie festlegen will. Sie verliebt sich in die Musikerin, die für einen krassen Gegenentwurf zu ihrem familiären Provinzdasein steht. Kurz entschlossen trennt sie sich von Pep und reist mit Lil in ihr Heimatland, wo dem lesbischen Paar unverhohlene Intoleranz entgegenschlägt. Die instabilere Beziehung der Beiden, die das gemeinsame Schwimmen noch nicht gelernt hat, gerät durch die bohrenden Fragen der Umwelt in so stürmische See, das ihr die Luft ausgeht.
Regisseur Hakan Savaş Mican hat eine atmosphärisch dichte, höchst musikalische (Musik: Enik) Umsetzung für den Text „Schwimmen Lernen. Ein Lovesong“ von Marianne Salzmann gefunden. Mit seitlichen Spiegeln verlängert er die Wasserprojektionen in ein 3D-Format, in das er die drei hervorragenden Schauspieler ihren Weg zwischen Klavier, E-Gitarre und Schlagzeug und Geranien finden lässt. Ein tolles Gastspiel vom Berliner Maxim Gorki Theater auf dem Krass-Festival auf Kampnagel.
Birgit Schmalmack vom 16.2.15