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Räuberhände

Zur Kritik von

Abendblatt 
 
 


Räuberhände, Thalia in der Gaußstraße


Schattenvater

Bei Janik zu Hause ist alles perfekt: Nette Eltern, heller Dielenfußboden, Kräuter auf dem Fensterbank, funktionierende Ehe seit zwanzig Jahren. Doch Janik sehnt sich genau nach dem, was er nicht hat: nach dem Nichtperfekten, dem Nichtguten. Das sieht sein Freund Samuel, der faktisch bei ihnen eingezogen ist, ganz anders. Seine Mutter ist Alkoholikerin, sein Erzeuger unbekannt. Seine Mutter meint zu erinnern, dass der Samenspender Osman hieß, und so kann Samuel alle seine Fantasien ganz auf diesen türkischen Schattenvater projizieren.
Nach dem bestandenen Abi machen sich die Beiden auf nach Istanbul, um Samuels Wurzeln aufzuspüren. Der kleine Wohnwagen Stambul, der eigentlich als Laube in ihrem Schrebergarten steht, wird unterwegs zum Istanbuler Hostelzimmer. Die perfekte weiße Umgebung mit den Stuckgardinenleisten kann mit allen gefüllt werden, was die beiden Jungen sich erträumen. Da kurz zuvor etwas passiert ist, das ihre ganze Freundschaft in Frage stellt, wird diese Reise nicht nur zur intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Identität sondern auch zwischen den beiden Freunden, der keiner von ihnen ausweichen kann.
Zum Schluss sitzt Janik wieder wie zu Beginn auf einem Stuhl, doch diesmal reichen seinen Füße auf den Boden und er wünscht sich nur noch: „Zurück zu Mutti“. In der Abgrenzung zu all dem Fremden, dem er in Istanbul begegnet ist, kann er nun in einem Reihenhaus, Müsli am Morgen, Grillwurst am Abend und einer Haftpflichtversicherung eine geradezu traumhafte Lebensperspektive sehen.
Regisseurin Anne Lenk hat mit sicherer Hand die rasante und doch nachdenkliche Geschichte von Finn-Ole Heinrich auf die Thalia-Bühne in der Gaußstraße gebracht. Mit den drei Schauspielern Patrick Bartsch, Sven Schelker und Sandra Flubacher sind alle Rollen hervorragend besetzt und erzählen in prallen eineinhalb Stunden ein vielschichtiges Coming-out-of-Age, das nicht nur das Erwachsenwerden, Lebenszielsetzungen sondern auch Freundschaft und Identität als Themen hat.
Birgit Schmalmack vom 10.9.13



Moby Dick
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