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"La Pute de la Joie", Kampnagel

"La Pute de la Joie", Kampnagel Foto: Knut Klaßen





Berührungen auf Abstand

Der Platz auf der Kampnagels Piazza vor dem Haupteingang wurde am Freitag ab 18 Uhr bei schönstem Sommerwetter zum Open-Air-Club. Das Projekt „La Pute de la Joie“ ist den Maquis in Abidjans Amüsierviertel Yopugon gewidmet, die 2009 aufgrund von nächtlichen Ausgangsbeschränkungen nur tagsüber geöffnet waren. Das Ensemble von Ginstersdorfer/Klaßen sorgt für ein in diesen Zeiten fast ungewohntes Gefühl von aufkeimendem Spaß am Zusammensein. Zu Beginn werden die Abstände vermessen, mit 1,50 Meter langen Stangen gehen die Performer durch die Zuschauerreihen und schieben diese durch sanftes Anstubsen auf den erlaubten Abstand.
Das transnationale Ensemble konnte nur in dezimierter Version erscheinen. Einreisesperren sorgen für ein stark verkleinertes Team. Zum Glück ist Hauke Heumann als selbst ironischer Conferencier mit dabei. Er erläutert, worum es hier in Zeiten von Corona-Beschränkungen wieder geht: Ein Gefühl der Gemeinschaft zu erzeugen. Durch die kulturübergreifende Mittel des Tanzes und der Musik könne das gelingen. Er verweist auf die früheren Anfänge der Rhythmische Erziehung im Sinne von Emile Jaques-Dalcroze , dem Gründer der Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus in Hellerau bei Dresden. Ganz in dessen Geiste kommen die Mittanzenden auf der Piazza in ein langsames gemeinsames Schreiten, mit der Erhöhung der Taktfrequenz in ein sich steigerndes Tempo. Das gemeinsam geteilte Gefühl für Zeit und Raum steht im Vordergrund.
Nachdem Heumann anhand einiger Einzelvorführungen der Ensemblemitglieder bewiesen hat, dass die Weiterentwicklung zur Rhythmischen Sportgymnastik ein kompetativer Irrweg war, schlagen die Beteiligten eine neue Richtung vor. Vielleicht hilft ein Blick über den Tellerrand und in ein anderes Rhythmusgefühl? Schnell stellen sch alle Mitmachenden vor dem Videoscreens auf und mit Hilfe von Annick Chocos Fern-Anleitung direkt aus Abidjans wird ein Corona Tanz eingeübt. Schon muss eine Kampnagel-Angestellte mahnen, doch bitte auf die Abstände zu achten.
Das gelingt im nächsten gemeinsamen Tanzübung wie von selbst. Dank der Stangen, die jeder am Ende in der Hand hält, wird der Tanzkreis sauber auf Abstand gehalten. Im Kreis werden nun die Bewegungen, die einer der Performer vormacht, von allen gemeinsam nachgeahmt. Eine gemeinschaftliche Aktivität, die keiner Regel zuwider läuft und dennoch die Gruppe stärkt.
Danach versuchen die Gruppenmitglieder einen kleinen Bühnenaufbau, zu dem der DJ Waxs und Ted Gaier Musik auflegen. Das rechte Clubfeeling will trotz der karibischen Temperaturen nicht aufkommen. Dazu hätten die Ensemble-Mitglieder wohl die Stimmung mehr anheizen müssen. Durch den abschließend gezeigten Film über die Anfänge des Ensembles merkte man, was diesem Abend vielleicht fehlte: Die übersprudelnde Lebensenergie der ivorischen Teammitglieder. Deren Kraft und Power konnte man mit den verbliebenen Hamburger Mitgliedern leider nicht ganz ersetzen. Trotzdem eine wunderbare Idee von Kampnagel wieder analoge Zusammenkünfte zu wagen und im Rahmen des LiveArt-Festivals zu erproben, was geht. Ein toller Anfang für das Herzlich willkommen zurück!, das die Intendantin Amelie Deuflhard versprach.
Birgit Schmalmack vom 17.6.20